Vorwort

Über zehn Jahre schrieb ich für Johnnie Walker die Daily Internet-Stories als Basis eines Gewinnspiels. Schnell durchfahrene Plots, in denen nur zwei Dinge Pflicht waren: gute Unterhaltung und regelmäßiger Konsum der schottischen Kultmarke. User-Zahlen und Bindung der Mitreisenden an Story und brand waren außerordentlich hoch, die Marken-Eigner entsprechend zufrieden. Erst mit der Internationalisierung der deutschen Website und einer Verschiebung des Fokus auf osteuropäische Märkte endeten die Stories. Der Frust der Community war groß, auch W&V berichtete. 

Hier ein nachträglich zusammengestellter Plot, der ursprünglich natürlich aus einzelnen Tages-Folgen bestand. Die meisten Plots spielten logischerweise in Schottland, einer à la William Gibson im Cyberspace und dieser hier – auf Wunsch des Kunden – in Spanien. Viel Spaß beim Lesen. 

Und übrigens: Wer als Markenartikler, Brandmanager oder Etat-Direktor beim Lesen denkt: ups, ein ähnliches Prinzip eignet sich vielleicht auch für meine Marke, der ist herzlich willkommen.

 

Die Johnnie Walker-Stories (Der Saramango-Plot)

KAPITEL 1: BARCELONA. CALLE MONTON.

Ich betrat mein kleines, schäbiges Büro in der Calle Monton und riss die Fenster auf. Es stank. Der Staub lag Zentimeter hoch auf meinem Schreibtisch. Die Fensterscheiben waren blind. Ich war seit Wochen nicht mehr hier gewesen, war ohne Aufträge, hing rum, langweilte mich. Ich ging zum Telefon, hob den Hörer ab und pustete den Staub von Hör- und Sprechmuschel. Dann drückte ich die Taste für Wahlwiederholung, ich wollte wissen, mit wem ich das letzte Gespräch geführt hatte. „Holla“, hörte ich nach dem dritten Freizeichen eine müde Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Ich legte auf, an der Vergangenheit hatte ich kein Interesse.

Ich steckte mir eine Fortuna an und wählte die Nummer des Hausmeisters. Ich brauchte eine Minute, um mich an seinen serbischen Akzent zu gewöhnen, von dem sein katalanisch durchsetzt war. Ich mochte ihn nicht, und er mochte mich nicht. Wir waren zwei Ausländer in Barcelona, die opportunistisch und vergeblich um die Position des besseren Katalanen wetteiferten.

Nein, sagte er, er würde mir keine Putzfrau besorgen und ich sollte meinen Arsch schleunigst in Richtung Deutschland bewegen. Er würde keinen Finger für mich krumm machen. Er klang, als wäre sein Zimmer voll von Karadzic-Porträts.

Ich legte auf: Alles war wie immer. Ich war zurück. Ich klaubte mein Jackett vom Haken und verließ mein Büro. Im Rausgehen begutachtete ich das Schild an meiner Tür: „Detektei, Nachforschungen“ stand auf katalanisch unter meinem Namen.

Draußen auf den Ramblas war es leer. Es war ein kalter Tag in Barcelona, die Leute saßen in den Cafés und Bars. Bei einem Losverkäufer kaufte ich ein achtel Los der Blindenlotterie ONCE und zischte ihm auf katalanisch ins Ohr: „Ich weiß genau, dass du sehen kannst. Also sag´ mir, ob du in den letzten Monaten Vicente gesehen hast.“ Er nickte. „Dann sag´ ihm, dass ich in der Stadt bin und ihn in meinem Büro erwarte.“ „Geht nicht“, sagte der Losverkäufer, „dort, wo ich Vicente zuletzt gesehen hab´, war´s ziemlich kalt. Und die Leute dort lagen alle in kleinen Schubladen. Hasta luego.“

Vicente tot? Ich atmete durch und wandte mich ab. Ich ging ziellos und fühlte mich auch so. Nicht, dass es mir Leid um ihn täte, Vicente war ein mieser Gauner, aber soweit ich wusste, war er nur einer von vielen. Er galt als harter Hund, aber als einer, der nur im eigenen Namen handelte. Oder wusste ich irgendwas nicht? Was ich wusste, war: Er schuldete mir 100.000 Peseten, und die hätte ich gern in Euro zurück ...

Ich ging die Ramblas ´runter zum Hafen. Die Fähre nach Mallorca war gerade ausgelaufen, und die Möwen des Hafenbeckens waren in hellem Aufruhr. Bei Manolito nahm ich einen Johnnie Walker und schnorrte eine Winston. Das Mittelmeer leckte an der Mole und lud seinen Schmutz ab. Für den Abend hatten die Radiostationen Schneewarnungen verbreitet.

 

Am nächsten Tag ging ich in die Markthalle am oberen Ende der Ramblas. Ich kaufte frischen pulpo, den ich einlegen und mit roten Zwiebeln, Lauch, Wein und Sangiovese-Essig zu einem mächtigen Salat verarbeiten wollte. Ich erwartete Gäste, die fett waren und fett bleiben wollten. Als Hauptgang hatte ich canejo gewählt, Kaninchen, die ich nach alter katalanischer Art zubereiten wollte.

Für den Mittag hatte sich eine Putzfrau bereit erklärt, mein Büro auf Vordermann zu bringen. Geschirr und Besteck würde mir Juam leihen, der im Erdgeschoss des Hauses eine schlecht gehende Tapas-Bar betrieb. Der Aufwand war enorm, aber ich sah keine andere Möglichkeit, um an meine gewünschte Information zu kommen: Wer hatte Vicente ermordet? Und warum?

Meine Gäste kamen pünktlich. Das war kein Zeichen von Höflichkeit. Die Typen waren Bullen, und sie wollten so schnell wie möglich ´raus aus ihren stickigen Revier-Räumen. Sogar mein schäbiges Büro in der Calle Monton erschien ihnen wie ein Tempel der Wohnkultur. Außerdem gab´s was zu essen, und meine Kochkünste waren berühmt in Barcelona.

Commissario Montalban war Mitte 50, fett und schwerfällig wie ein Sumo-Ringer. Seine wenigen Haare hingen in einem schütteren Halbkreis von seiner Schädeldecke herunter, als wären sie dort nur angeklebt. Er schwitzte immer. Sein Assistent wurde Kube genannt, seinen richtigen Namen kannte niemand. Kube war ein kleiner, drahtiger Typ, dem man allerdings ansah, dass er inzwischen bei Fußballspielen öfter zuschaute als selbst spielte. Sein Klub war irgendein unterklassiger Verein aus der Nordstadt, den großen FC Barcelona hasste er .

Das Gespräch kam nur schleppend in Gang. Die Katalanen können misstrauisch und wortkarg sein, vor allem dann, wenn sie es mit einem Nicht-Katalanen zu tun haben. Ich konnte mich glücklich schätzen, Deutscher zu sein. Zu einem spanischen Detektiv wären sie gar nicht erst gekommen. Die Leute in Barcelona hassen die Spanier und geben vor, kein Spanisch zu können. „Ich bin Katalane“, sagt man hier, wenn man nach seiner Nationalität gefragt wird. Und auch ich tat gut daran, meine Fragen auf Katalanisch zu stellen.

„Ich habe seltsame Neuigkeiten von Vicente gehört“, begann ich meine Nachforschungen, während wir uns mit unseren Johnnie Walkers zum gedeckten Tisch bewegten. „Ach was“, antwortete der Kommissar und drehte seine mächtige, schwitzende Nase in Richtung Nebenraum, wo in einem Ofen das Hauptgericht brutzelte. „ Kaninchen, stimmt´s?“, fragte er mich. In diesem Moment wusste ich, dass ich Antworten auf meine Fragen, wenn überhaupt, erst nach dem Essen bekommen würde ...

 

KAPITEL 2: ERST KOMMT DAS ESSEN. DANN DIE MORAL.

Commissario Montalban und seinem Assistenten Kube schmeckte es ausgezeichnet. „Sie kochen verdammt gut für jemanden, der nicht von hier kommt“, sagte Montalban, nachdem er den geliehenen Dessertteller mit dem Flan so sauber geleckt hatte, dass ich ernsthaft erwog, ihn später ungewaschen zurück zu geben. „Danke“, sagte ich und ging zur improvisierten Bar, die ich auf meinem Schreibtisch eingerichtet hatte. Fast hätte ich vergessen, dass dieses Essen in meinem Detektivbüro statt fand und dass ich es nur wegen einer einzigen Frage arrangiert hatte.

„Also, Commissario“, sagte ich, während ich Johnnie Walker Black Label in drei saubere Scotchgläser goss, „wer hat unseren Freund Vicente ermordet?“

Mit der Art, wie ich meine Frage formuliert hatte, hatte ich ins Schwarze getroffen. Vicente - „unser Freund“. Der Kommissar machte eine Kopfbewegung, die ich ihm nicht zugetraut hatte. Er riss seinen Kopf geradezu hoch und schaute mir direkt in die Augen. Zum ersten Mal am Abend legte er seine fette, träge Sinnlichkeit ab und war voller entschlossener Präsenz.

„Unser Freund?“, fragte er, „ich habe keine Freunde.“

„Oh doch, Commissario“, antwortete ich, „hier in diesem Büro gibt es nicht nur das beste Kaninchen der Stadt, sondern auch die besten Beweise, dass Vicente Ihr V-Mann war.“

Der Kommissar stand auf.

„Schnüffler“, sagte er mit einem verächtlichen Schnauben, bei dem er die Backen aufblies, „verdammter deutscher Schnüffler. Was kriege ich, wenn ich Ihnen Informationen über Vicentes Tod gebe?“

Ich stand ebenfalls auf. Ich wusste, dass Montalban unbestechlich war. Er wollte also weder Geld noch eine Flasche Johnnie Walker oder gar einen subventionierten Bordellbesuch. Nein, der Kommissar wollte im Gegenzug zu seinem Wissen mein Wissen. Das war in Ordnung.

„Ich nenne ihn den wichtigsten blinden Losverkäufer, der sehen kann“, sagte ich. „Den Mann, der seine Augen überall dort hat, wo das Gesetz nicht hinschaut. Und so großzügig, Commissario, bin ich nur heute.“

Montalban nickte ...

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich war verkatert, aber entschlossen. Ich hatte ´ne Menge vor für den heutigen Tag. Ich riss zwei Alka Seltzer auf und ließ sie in ein benutztes Wasserglas fallen. Auf dem Schreibtisch fand ich eine letzte Flasche Mineralwasser „sin gaz“. Ich schenkte ein, wartete zwei Minuten, dann trank ich die Medizin. Mein Büro stank nach Kaninchen, Zigarren und Schweiß. Ich beschloss, nie wieder ein Essen in meiner Detektei zu geben, riss die Fenster auf, klappte das Feldbett zusammen und zog mich an. Dann nahm ich meinen ersten Café solo in Juams Bar.

 

Eine halbe Stunde später betrat ich die Sagrada Famiglia, eine der schönsten und skurrilsten Kirchen der Welt. Das Eintrittsticket zahlte ich in Euro, was ich an diesem Ort wie ein Sakrileg empfand. Aber die Zeiten waren neu, und sie würden von jetzt an immer neu sein. Es gefiel mir nicht, aber ich konnte es nicht ändern.

„Senor“, bat mich die hübsche Kassiererin und deutete auf mein Gesicht.

„Oh“, sagte ich, nahm die erloschene Ducado aus dem Mundwinkel und schnippte sie in eine Baugrube vor dem Hauptportal der Kirche. Dieser Tempel der Phantasie wird niemals fertig werden, dachte ich, während ich die Treppe nahm, die zwischen die Türme führt. Irgendwo hier oben – so hatte der Kommissar gestern Abend versprochen - sollte ich einen Mann treffen, der mehr über Vicentes Tod wusste: einen Fremdenführer, der sein kleines Gehalt am liebsten mit kleinen Indiskretionen aufbesserte ...

Der Fremdenführer stand auf einem Treppenabsatz und sprach zu einer Gruppe japanischer Touristen, die staunend auf die biomorphen Formen der Kirchtürme schauten. Er sprach ein sehr schlechtes Englisch, von dem die Japaner kein einziges Wort verstanden; sie waren höflich genug, an den entscheidenden Stellen zu nicken, zu lächeln, zu fotografieren.

Eine junge hübsche Japanerin am Ende der Gruppe trug ein riesiges schwarzes „No war“-Sweatshirt, in dem sie versank wie ich in ihren großen Augen. Wie von selbst zückte ich meine Detektiv-Karte und wollte sie schon ansprechen, sah den Abend mit ihr schon vor meinem geistigen Auge, vergaß meine Pläne – als der Fremdenführer sein Kauderwelsch unterbrach und zu mir schaute:

„Was kann ich für dich tun, hombre?“, fragte er in einem Mix aus Spanisch und Katalanisch. Ich wurde rot, fing mich aber sofort wieder und sagte wie nebenbei:

„Ich bin ein Freund von Vicente.“

Zehn Minuten später saßen der Fremdenführer und ich in einer Tapas-Bar oberhalb des Busparkplatzes vor der Sagrada Famiglia. Ich trank einen Johnnie Walker, der Fremdenführer einen Café Solo. Zwischen uns lag ein 100 Euro-Schein, den ich wortlos auf dem Tresen platziert hatte.

„Scheint ´ne wichtige Information zu sein, die du von mir haben willst“, sagte der Fremdenführer und betrachtete die neue Banknote.

Ich nickte und legte einen 10 Euro-Schein neben den Hunderter. „Den gibt’s für ´ne unwichtige“, sagte ich, „du kannst dich entscheiden.“

Er entschied sich sofort.

„Ich nehm´ den großen Schein“, sagte er und fügte fast unhörbar hinzu: „Vicentes Mörder kenn´ ich nicht. Aber seinen Auftraggeber. Er sitzt übermorgen auf der Ehrentribüne im Bernabeu. Reihe 7, Platz 13. Hasta luego.“

Ich konnte es kaum glauben: Jaime Saramango, einer der größten und reichsten Baulöwen Spaniens und Vizepräsident von Real Madrid. Der große Saramango, Vorzeige-Unternehmer, Politiker, Mäzen und ständiger Talkshow-Gast. Und der soll Auftraggeber für den brutalen Mord an Vicente gewesen sein, diesem Gelegenheitsgauner von den Ramblas?

 

Ich rief Laetitia an, eine arbeitslose Akademikerin, der es Spaß machte, für einen zwielichtigen ausländischen Detektiv wie mich kleine Erledigungen zu machen.

„Besorg´ mir zwei VIP-Karten für das morgige Spiel von Real Madrid gegen Deportivo La Coruna“, sagte ich ihr. „Irgendwo in den Reihen sechs bis acht, Mitte. Geld spielt keine Rolle. Und besorge mir einen Mietwagen aus der unteren Kategorie, einen Seat Ibiza oder so, ich bin fast pleite.“

Laetitia lachte und wollte mit mir über Logik diskutieren, aber ich würgte sie ab und legte auf. Dann rief ich meine Frau in Hamburg an und ließ mir zum Geburtstag gratulieren. „Was hast du an?“, fragte ich, nachdem wir uns heiß geredet hatten. Die Antwort war erst ab 21.

Ich hatte es meiner Frau schon lange versprochen.

„Wenn ich jemals zu Real Madrid gehen sollte, nehm´ ich dich mit“, hatte ich immer wieder zu ihr gesagt.

Natascha ist der Typ Frau, der Versprechen ernst nimmt – und so hatte ich keine Wahl. Wir verabredeten uns am Madrider Flughafen, sie wollte nur für einen Tag und eine Nacht aus Hamburg kommen, zusammen mit mir das Spiel sehen, ihre Schönheit auf der Ehrentribüne präsentieren und abends in einem kleinen Hotel mit mir vögeln. Ein typisches Wochenende zwischen uns, abgesehen von dem Job, den ich im Bernabéu-Stadion zu tun hatte: den großen Saramango beobachten, den vermeintlichen Auftraggeber des Mordes an Vicente.

 

KAPITEL 3: MADRID. BERNABEU.

24 Stunden später parkte ich meinen geliehenen Seat Ibiza (sie hatten mir bei der Autovermietung auch noch das alte Modell gegeben) auf dem VIP-Parkplatz des Bernabéu-Stadions mitten zwischen Dutzenden von deutschen, italienischen und amerikanischen Luxusklasse-Limousinen. Die Parkplatzwächter, die im Laufe ihres jahrelangen Jobs schon fast den Dünkel ihrer Chefs übernommen hatten, behandelten mich unfreundlich und widerwillig. Erst als Natascha aus dem Wagen ausstieg, kam so etwas wie Respekt auf. Ich warf dem Parkplatzwärter, der am meisten glotzte, die Autoschlüssel zu und sagte:

„Pass bloß auf, dass du mein Auto nicht verschmutzt, du Penner.“

Dann nahm ich Natascha in den Arm und führte sie zur Ehrentribüne des Estadio Santiago Bernabéu. Unten auf dem Rasen machten sich die Stars von Real bereits warm und winkten ins Publikum.

Ich schaute auf die Eintrittskarten, die mich auf dem Schwarzmarkt in Barcelona ein Vermögen gekostet hatten: „Real Madrid – Deportivo La Coruna“ stand dort in fetten Lettern, und ich zweifelte, ob ich diese Investition jemals wieder ´rausholen könnte. Ich hatte keinen Auftrag, ich ermittelte ausschließlich im eigenen Interesse. Ich wusste nicht mal, ob ich nicht einer Fehlinformation aufgesessen war. Ich wusste nichts, außer dass ich hier war – und dass mein Mädchen bei mir war. Natascha roch gut.

Reihe 8, Platz 11 und 12 hatten wir. Wir saßen im Ehrenblock direkt über Jaime Saramango, einem der bekanntesten und umstrittensten Männer Spaniens. Seinetwegen war ich hier, das durfte ich nicht vergessen ...

 

Saramango schaute sich um, als wir uns hinsetzten, und musterte Natascha schamlos von oben bis unten. Seine Frau, die neben ihm saß und wöchentlich neue Stories über die Gespielinnen ihres Mannes lesen musste, zog ihren Pelzmantel enger und nahm aus einem silbernen, Brillanten besetzten Flachmann einen genießerischen Schluck. Ich wusste aus der Klatschpresse, dass sie für Johnnie Walker Black Label schwärmte, und glaubte, das feine Aroma des Scotch erkennen zu können.

Ich hatte Natascha ausführlich zu meinem Fall gebrieft, sie verhielt sich cool und professionell.

„Ich kenne Sie nur von Fotos“, sagte sie mit ihrem Atem beraubendsten Lächeln und hielt dem sichtlich nervösen Saramango ihre Hand hin, „aber live sind Sie natürlich noch beeindruckender. Ich drücke Ihrer Mannschaft die Daumen.“

Der Vizepräsident von Real Madrid, der große Jaime Saramango schluckte kurz. Dann fragte er Natascha und – der Höflichkeit halber – mich nach unseren Namen. Er sah aus wie ein Schuljunge, der sich gerade frisch verliebt hatte. Dazu trug bei, dass Natascha und ich eine Reihe höher standen als er – und genauso hatte ich´s auch geplant. Ich wollte ihn an seiner empfindlichsten Stelle erwischen, seinem fast schon verzweifelten Machismo.

„Ich würde mich glücklich schätzen, Sie später in meiner Vip-Lounge begrüßen zu dürfen“, sagte er.

Wir setzten uns hin, ich nickte Natascha zu: Der Kontakt zum Feind war hergestellt ...

Das Spiel begann mit einem Paukenschlag. Den ersten vernünftigen Angriff beendete Deportivo mit einem herrlichen Tor aus spitzem Winkel, das die komplette Madrilener Abwehr kalt erwischte. 0:1 stand auf der riesigen Anzeigetafel über der Westkurve, und ein Murren wogte von den Stehplätzen der Ultras bis hoch zu uns auf die Ehrentribüne.

Jaime Saramango schaute sich zu Natascha und mir um, machte eine Handbewegung, die „Keine Sorge“ bedeuten sollte und zückte sein Handy.

„Merk´ dir alle Nummern, die er anruft“, flüsterte ich zu Natascha, „ich merke mir, was er sagt.“

Natascha nickte und schnippte nach einem Kellner: „Zwei Johnnie Walker Black Label“, sagte sie so laut, dass auch Saramangos Frau es nicht überhören konnte.

„Die Kleine hat Geschmack“, sagte sie zu ihrem Mann. Der wählte eine elf-stellige Nummer und beachtete sie nicht.

 

Das Spiel war längst aus. Real hatte am Ende mit 2:1 gewonnen, und Luis Figo hatte das Siegtor gemacht. Jaime Saramango war in Hochstimmung.

„Im 100. Jubiläumsjahr von Real Madrid werden wir Meister und gewinnen die Champions League“, sagte er immer wieder und sülzte Natascha mit seinem riesengroßen Anteil voll, den er an diesem künftigen Triumph haben würde.

Seine Botschaft war klar: Ich bin der Größte. Nur Natascha und ich wussten, dass dem nicht so war. Schließlich waren wir schon zu diesem Zeitpunkt im Besitz seines kleinen, berühmten Notizbuches ...

 

Zurück im Hotel, liebten wir uns, aber wir taten es nicht so leidenschaftlich wie sonst. Beide waren wir mit unseren Gedanken immer wieder bei Saramango und seinem Notizbuch.

„Hast du schon was Auffälliges entdeckt?“, fragte mich Natascha, während sie ihre langen Beine um mich schlang.

Ich lachte und fragte zurück: „Ist das hier Sex oder Arbeit?“

„Beides“, sagte sie und konzentrierte sich auf das Erste.

Später hockten wir nackt im Bett, eine Flasche Johnnie Walker und zwei Scotchgläser vor uns und lasen in Saramangos Notizbuch. Es war in wertvolles schwarzes Leder eingeschlagen und trug den berühmten weißen Stern von Mont Blanc auf dem Titel. Edel geht die Welt zugrunde, dachte ich und schlug das Büchlein auf.

 

Als wir den entscheidenden Hinweis fanden, brachen wir sofort auf. Es war halb drei Morgens, und wir waren müde und erschöpft. Aber ich wollte am nächsten Morgen unbedingt in meinem Büro in Barcelona sein. An der Rezeption wollten wir die Rechnung begleichen, aber der Nachtportier beschied uns mit respektvollem Blick, dass alles schon bezahlt sei:

„Jaime Saramango lässt Sie herzlich grüßen und wünscht eine sichere Heimfahrt“, sagte der Portier und klingelte nach einem Pagen, der uns die Koffer zum Auto trug. Eine halbe Stunde später schnurrten wir durch die spanische Nacht gen Osten.

 

Das Leben als Detektiv ist öde. Es gibt viel Langeweile und nur wenige Erfolge. Und es gibt Ausnahmen, die so kitschig perfekt sind wie im Film. Natascha und ich hatten die Ausnahme vor uns, tintenblau auf büttenweiß in Saramangos Notizbuch. Unter dem Datum des 4. Januar stand in der Handschrift Saramangos ein Kürzel, das wir schnell als „Vic.“ entzifferten, dazu eine Uhrzeit und die Anschrift einer kleinen Bar im Norden Barcelonas. Drei Tage später tauchte eine weitere Notiz auf, die sehr kurz, aber ebenso eindeutig war: Jetzt stand dort nur noch ein „V“, und hinter diesem „V“ ein Kreuz ...

Saramango spielte in der Öffentlichkeit gerne den überzeugten Katholiken – aber dies hier war kein Hinweis auf einen Kirchgang. Dies war Vicentes Todestag, geplant, beschlossen und befohlen vom Real-Vizepräsidenten und Unternehmer des Jahres, Jaime Saramango.

Natascha und ich zitterten während der Autofahrt zurück nach Barcelona – und dies nicht nur vor Müdigkeit, sondern auch aus Angst. War dieser Fall eine Nummer zu groß für mich?

 

KAPITEL 4: ZU GROSS FÜR EINEN KLEINEN DETEKTIV?

Ein paar Stunden später schloss ich übermüdet und ohne Natascha mein Detektivbüro auf. Wie immer schlug mir dieser muffige Geruch entgegen, obwohl ich vor meiner Fahrt nach Madrid noch stundenlang gelüftet hatte.

Ich sollte weniger spannende, dafür aber lukrativere Aufträge annehmen und mir ein Büro in irgendeinem Neubau leisten, dachte ich.

Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch, brühte einen Kaffee auf und legte das Notizbuch Saramangos auf die dunkelgrüne Lederunterlage. Ich schaltete meinen Computer an und ging ins Internet. Ich suchte diese kleine Scotch-Bar im Norden Barcelonas, in der sich Saramango mit Vicente getroffen hatte. Aber statt auf einem Online-Bar-Verzeichnis der Stadt landete ich auf einer neuen Seite des Johnnie Walker Auftritts, in der man mich zum Mixen von Scotch-Cocktails animieren wollte. Ich fluchte, blieb aber trotzdem ´ne Weile hängen und klickte erst zurück auf Google, als mein Scotch-Durst zu groß wurde. Ich befriedigte ihn nicht, fand die Adresse der Bar, schrieb sie auf einen Block und verließ mein Büro.

Ich brachte Natascha zum Flughafen, wo um Punkt 11 ihre Iberia-Maschine nach Hamburg ging. Sie trug ihre hohen bordeauxroten Stiefel, Netzstrumpfhosen, ein einfaches schwarzes Kleid und ihre kurze Jacke mit Pelzkragen. Auch sie sah müde aus. Müde und besorgt.

„Lass´ die Sache fallen, wenn es gefährlich wird“, sagte sie.

Ich nickte.

„Versprochen?“

„Ja“, log ich.

Sie küsste mich leidenschaftlicher, als ich es von ihr in der Öffentlichkeit gewohnt war. Dann verschwand sie in Richtung der Sicherheitsschleusen. Ich schaute ihr nach. Irgendwo hinter mir schrie eine junge Touristin, die offensichtlich Flugangst hatte. Ich steckte mir eine Fortuna zwischen die Lippen und ging zum Parkplatz.

 

Eine halbe Stunde später stand ich am Tresen der kleinen Scotch-Bar im Norden Barcelonas. Hier hatte – seinem eigenen Notizbuch zufolge – Jaime Saramango vor gut sechs Wochen Vicente getroffen. Warum? Warum ließ sich der große Saramango persönlich mit einem so kleinen Licht wie Vicente ein?

Klar, halb Spanien wusste, dass Saramango krumme Geschäfte machte, Baubehörden schmierte und Konkurrenten mit kriminellen Methoden aus dem Weg räumte. Aber erstens konnte man ihm nie was nachweisen, zweitens gingen er und seine Leute nicht bis zum Mord und drittens kümmerte sich Saramango um solche Dinge niemals selbst. Warum also hier die Ausnahme? Was war an Vicente so wichtig, dass der Big Boss persönlich auf der Bildfläche erschien?

Ich bestellte einen Johnnie Walker und wartete.

Ich war bei meinem zweiten Scotch, als der Barkeeper mich ansprach:

„Noch nie hier gesehen“, sagte er und zwinkerte linkisch, „neu hier im Viertel? Oder auf Durchreise?“

Er spielte seine Barmann-Rolle wie in einem schlechten amerikanischen Detektivfilm. Ich nahm das Spielchen an und fixierte ihn.

„Ob ich hier auf Durchreise bin oder gleich bei Ihnen einziehe“, sagte ich in meinem härtesten Katalanisch, „hängt ganz von Ihnen ab. Ich an Ihrer Stelle würde auf mich als Dauergast allerdings verzichten.“

Er schwieg und dachte nach, was ihm sichtbare Mühen bereitete.

„Wieso?“, fragte er schließlich.

„Nur so“, murmelte ich und warf zwei Fotos auf den Tresen: Saramango und Vicente.

„Dass die beiden hier waren, weiß ich“, sagte ich. „Alles andere erfahre ich von Ihnen.“

 

Der Barkeeper starrte lange auf die Fotos und gab sie mir zurück. Dann verließ er seinen Tresen, gab mir mit dem Kopf das Zeichen, ihm zu folgen, und verschwand in einem Hinterraum. Die Bar war leer. Ich folgte ihm widerwillig und betrat den Raum, in dem ein einfacher Küchentisch und zwei Stühle standen. Den Barkeeper sah ich nicht. Den Schlag mit einem stumpfen Gegenstand spürte ich stark, aber nicht so stark, dass er mich von den Beinen geholt hätte. Ich drehte mich mit schmerzender Schulter unter dem zweiten Hieb hindurch und fuhr mein rechtes Bein wie ein Klappmesser aus. Ich traf voll, der Barkeeper knickte zusammen und rang nach Luft. Ich wollte ihn in Augenhöhe haben und schickte einen Uppercut hinterher. Das war´s, ich hatte es mir schwerer vorgestellt. Der Barmann klebte an der Wand, schwer atmend, und blutete auf meine Hand, die ich ihm wenig freundschaftlich um die Kehle gelegt hatte.

„So kann ich nicht reden“, presste er kaum hörbar unter meiner Hand hervor.

Ich ließ kurz los, packte ihn aber sofort am Kragen und schleuderte ihn auf den Küchenstuhl. Von der Wand riss ich ein großes Geschirrtuch und fesselte ihm die Hände hinter dem Rücken. Er wehrte sich nicht.

„Tun Sie mir nichts, ich sage alles, was ich weiß.“

Ich achtete nicht auf ihn, nutzte seine Angst aus und spielte den Harten. Mir war klar, dass er nur dann „alles“ sagen würde, wenn er echte Todesangst hätte.

Ich nahm ein zweites Geschirrtuch und fesselte seine Fußknöchel aneinander und beide an ein Bein des Küchentischs. In einer Schublade fand ich zwei Fleischermesser, die ich gut sichtbar für ihn auf den Tisch legte. Dann ging ich zurück in den Barraum, nahm einen schnellen Johnnie Walker, suchte und fand das Schild mit dem Wort „cerrado“ und hängte es von außen sichtbar an die Eingangstür. Dann ging ich zurück in die Küche ...

 

KAPITEL 5: SPORT IST MORD.

Es war stickig in dem engen Raum. Der gefesselte Barkeeper schwitzte. Schweißperlen tropften in seinen Hemdkragen und sammelten sich oberhalb seines nachlässig gebundenen Krawattenknotens. Ich hatte mir vom Tresen eine Packung Fortuna geholt und rauchte so hastig, dass die Glut an der Zigarettenspitze wie frisches Lava glühte. Ich schaute dem Barkeeper in die Augen und sah, dass er wusste, was als nächstes kommen würde.

„Okay, okay“, stammelte er und starrte panisch auf die Glut meiner Kippe. „Saramango und der andere Typ auf Ihrem Foto waren hier, sie hatten sich gestritten.“

Er sah jetzt aus wie einer, der reinen Tisch machen wollte. Er sprach schnell, ohne zu überlegen.

„Saramango fragte den anderen immer wieder, was er gehört hatte. Aber der andere lächelte nur und sagte: Genug für ein paar hunderttausend Peseten.“

Der Barkeeper schwieg, ich nicht.

„Weiter“, sagte ich zu ihm und verschärfte mit einem langen, tiefen Zug die Glut an meiner Zigarette. Dann riss ich ihm in einer schnellen Bewegung den Ärmel seines Hemdes auf und drehte seinen gefesselten Arm brutal in meine Richtung. Der Barmann schrie auf und sprach schnell weiter, abgehackt, panisch.

„Der andere fühlte sich offenbar ziemlich sicher. Er provozierte Saramango. Ich hätte mich das jedenfalls nie getraut. Plötzlich reichte es Saramango. Er packte den anderen am Kragen und stieß ihn hier in die Küche, genau dort, wo wir jetzt sind. Ich hörte nicht viel, aber etwas verstand ich doch: Saramango fragte den anderen immer wieder, was er gehört hatte. Und der andere zischte leise irgendetwas von einem Fußballspieler und von einer hohen Versicherung, die auf ihn abgeschlossen sei und von einem Unfall oder Foul oder so. Ich verstand das alles nicht, aber Saramango schien genau zu wissen, was der andere meinte. Okay, sagte Saramango plötzlich zu dem anderen, ich gehe auf deine Bedingungen ein. Wir sehen uns in exakt 24 Stunden an der Plaza Catalunya. Du wirst mich erkennen und du wirst kommen.“

 

Ich glaubte dem Barmann. Er zitterte am ganzen Leib. „Und sonst noch?“, fragte ich, aber da wusste ich bereits, dass er mit seinen Informationen am Ende war. Sein „Mehr kann ich Ihnen nicht sagen“ hörte ich schon gar nicht mehr. Ich schlurfte durch die Bar, griff mir die fast volle Flasche Johnnie Walker Black Label, die noch immer auf dem Tresen stand, und öffnete die Tür zur Straße hinaus. Das Schild am Türknauf drehte ich zurück auf „Geöffnet“ und winkte mir eines der Taxis heran, die fünfzig Meter links von mir auf einem Parkplatz warteten. „Zur Plaza Catalunya“, sagte ich dem Fahrer, der nur widerwillig die Sportseite der „El Pais“ auf den Beifahrersitz legte ...

 

Ich dachte nach. Über das, was der Barkeeper erzählt hatte und über das, was er nicht erzählt hatte. Gab es da noch irgendeinen Puzzlestein, den ich nicht erkannt hatte? Oder den ich nicht zuordnen konnte?

Fest stand: Jaime Saramango wurde erpresst von Vicente. Weil Vicente – wahrscheinlich aus Zufall – etwas mitgekriegt hatte, das niemand hätte mitkriegen sollen: die dubiose Geschichte von einem Fußballspieler, der hoch versichert war und einen Unfall erleiden sollte. Ich stutzte. Dann sah ich auf die Zeitungsseite, die der Taxifahrer neben sich auf dem Beifahrersitz liegen hatte. „Deportes“ stand oben auf der Seite, und ich erkannte die Tabelle der spanischen ersten Liga. „Sagen Sie mal“, fragte ich den Fahrer, „gab es in den letzten Wochen irgendeinen Todesfall in der Primera Division?“

Der Taxifahrer nickte. „Klar gab es einen Todesfall in der Primera Division“, sagte er in einem Tonfall, der ihn als Einwohner der „Zonas fuera del centro“ auswies, der Vororte im Norden Barcelonas.

„Aber es war kein Todesfall, um den wir hier trauern müssen. Es war ein Typ von Real Madrid, also, was soll´s?“

Er verlangsamte das Tempo abrupt, öffnete bei Schrittgeschwindigkeit die Fahrertür und spuckte aus. Damit war das Thema Real für ihn erledigt.

„Wie hieß er?“, fragte ich trotzdem.

„Andreu Guinardo“, sagte er und spuckte abermals aus. „Nicht weiter schade um ihn, bei Barca hätte er nicht mal im B-Team gespielt. Hier sind wir.“

Wir hielten am Rand der Plaza Catalunya, ich zahlte und stieg aus. Zehn Sekunden später merkte ich, dass ich meine Flasche Johnnie Walker im Fonds des Wagens vergessen hatte. Ich fluchte und zückte mein Handy und wählte die Nummer von Comisario Montalban. Ich musste mit irgendjemand reden, der klug genug war, wenig Worte zu machen. Montalban nahm ab.

„Si“, sagte er kaum hörbar und ich sah regelrecht seinen massigen Körper, der schon von diesem winzigen Wort ins Schwitzen geriet ...

 

Comisario Montalban kam schwerfällig durch die enge Caféhaustür und suchte mit trägem Blick das Lokal ab. Ich saß ganz hinten am Durchgang zu den Toiletten, machte mich aber nicht bemerkbar. Schließlich entdeckte er mich.

„Haben Sie Blasenschwäche?“, fragte er und nahm sich eine Serviette von meinem Tisch, um  sich die Schweißperlen von der Stirn zu wischen. „Oder warum müssen wir uns hier vor den Toiletten treffen?“

Ich grinste, wies auf den Platz mir gegenüber, wo bereits ein doppelter Johnnie Walker Black Label stand und fragte zurück: „Lieben Sie Fußball?“

 

Comisario Montalban ließ sich in den Korbsessel fallen, prüfte durch Hin-und-Her-Rücken die Festigkeit des nicht ganz so schwergewichtigen Mobiliars und sah mich verständnislos an.

„Ob ich Fußball liebe?“, fragte er. „Na ja, solange ich mich nicht selbst bewegen muss. Aber eigentlich auch dann nicht.“

Er nahm das Scotchglas in seine fette, fleischige Hand, als wollte er es zerdrücken.

„Wo ich wohne, spielt das ganze Haus verrückt, wenn Barca antritt. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Ich weiß nicht, ob mir diese ganze Stadt gefällt. Und ich weiß nicht mal, ob Sie und Ihre Detektivgeschichten mir gefallen. Noch mal das Gleiche, hombre.“

Bei den letzten Worten hielt er den vorbei eilenden Kellner am Arm fest. Der riss sich los, wütend über die Distanzlosigkeit des fetten Gastes, baute sich für einen Sekundenbruchteil drohend vor dem Kommissar auf, erkannte ihn und sagte tonlos: „Si, comisario, desde luego.“

 

KAPITEL 6: DER DICKE BULLE, DER DIE DEUTSCHEN LIEBT.

Eine halbe Stunde später hatte ich dem Kommissar alles erzählt. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen, nur zwei, drei Mal fast unmerklich den Kopf geschüttelt oder eine seiner asymmetrisch geschwungenen Augenbrauen hoch gezogen. Als ich mit meinem Bericht am Ende war, winkte er den Kellner heran, legte einen 2000-Peseten-Schein auf den Tisch und deutete mir mit einem Fingerzeig, ihm zu folgen. Noch immer hatte er kein einziges Wort gesprochen.

„Wir haben auch in Barcelona den Euro eingeführt“, sagte ich, als wir ins Freie traten und in den plötzlich wolkenlosen Himmel zwinkerten.

„Ich noch nicht“, sagte der Kommissar und winkte den Polizeiwagen heran, der die ganze Zeit in einer Seitenstraße neben dem Café geparkt hatte.

 

Das Büro des Kommissars im Polizeirevier am Passeig de Gràcia war eng. Auf dem Tisch lag eine Schachtel Ernte 23. Ich wusste, dass der Comisario diese urdeutsche Marke seit Jahrzehnten rauchte, er ließ sie sich regelmäßig von einem Kollegen des BND per Konsularspost schicken. Montalban liebte auf eine fast rührende Art alles Deutsche, was er durch seine schroffe Art zu überspielen versuchte. Es gelang ihm nicht, und so profitierte ich als einziger deutschstämmiger Detektiv in Barcelona von seinen germanischen Vorlieben und Schrulligkeiten.

Ich nahm die altmodische, gelbe Schachtel von seinem Schreibtisch und zündete mir eine Zigarette an.

„Warum müssen alle Räume, in denen Polizisten oder Detektive ermitteln, so furchtbar nach Schweiß stinken?“, fragte ich, während der Tabakrauch die Luftqualität spürbar verbesserte.

„Weil wir Angst haben“, antwortete der Kommissar. 

 

Wir saßen bis in die Nacht. Draußen vor der Tür des Kommissar-Büros hörten wir von Zeit zu Zeit Schreie und Verwünschungen der Festgenommenen. Einmal glaubten wir, Schläge zu hören. Für einen Moment war es totenstill, dann schrie ein Mann mit hoher Fistelstimme:

„Ich verklage euch, ihr Hurensöhne, ihr Bullen, euch an einer wehrlosen, schwachen Frau zu vergreifen. Ich gehe zur spanischen Sektion von Amnesty, die zerren euch nach Madrid vors höchste Gericht, ich -.“

Der Kommissar stand auf, riss seine Bürotür auf und schrie in den Gang:

„Wer hat hier diesen Transvestiten geschlagen?“

Es folgte ein leises, aber entschiedenes Wortgefecht zwischen dem Kommissar und einem Polizisten der Guardia Civil, dann hörte ich eine sehr laute, deutlich vorgetragene Entschuldigung. Der Kommissar kam zurück in sein Büro, ließ sich in seinen Schreibtisch-Drehstuhl fallen und fragte:

„Wo waren wir gerade?“

„Bei Jaime Saramango.“

 

Es war zwei Uhr früh, als ich das Polizeirevier verließ. Ich war müde und deprimiert. Ich ging zu Fuß bis zum Catalunya, wo ich eine offene Bar fand. Beim Barmann bestellte ich einen Johnnie Walker mit Grapefruitsaft, den ich als Scotch-Mixgetränk auf der Johnnie Walker-Internetseite gefunden hatte. Ich brauchte einen verdammt klaren Kopf, um das zu verarbeiten, was hinter mir lag. Ich hatte - nach dem Gespräch mit dem Kommissar - zu viele Fragen und zu wenig Antworten.

„Lassen Sie die Finger von dem Fall“, hatte Montalban zum Schluss gesagt.

„Warum? Es sind zwei Menschen ermordet worden.“

„Politik“, hatte der Kommissar geantwortet und mich zur Tür geleitet.

 

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Ich hatte nur drei Stunden geschlafen. Wahrscheinlicher aber war, dass ich drei Stunden gegrübelt hatte. Eingekesselt in dieser Vorstufe des Träumens, in der die Gedanken automatisiert sind und seltsame Richtungen einschlagen. In einer zehntel Sekunde hatte ich das Gefühl, die Lösung zu haben, eine unerwartete Lösung, die alles erklärte und alle frei sprach. Als hätte Jaime Saramango nur seine Pflicht getan, zu der eben auch ein oder zwei Morde gehörten.

Bullshit.

Ich stand auf, duschte und rasierte mich und fuhr raus zum Nordfriedhof, wo Vicente beigesetzt war.

Seine Urne war in einer Mauer untergebracht, von der sich bestimmt zwanzig Stück am äußersten Ende des Friedhofes entlang zogen. Jede Urnenmauer war dreißig Meter lang und fast zwei Meter hoch. Eine Trabantensiedlung für Tote. Wer hier wohnte, hatte es weder im Leben noch im Tod geschafft. Die Existenzberechtigung, die einzig für das Wohnen in lieblosen Hochhäusern vergeben wurde, galt auch hier: Mehr als ein mieses Einzimmer-Appartement war auch im Tod nicht drin.

Ich stand vor Vicentes winziger Urnen-Box, las immer wieder seinen Namen und wurde wütend. Wütend über den Mord an diesem kleinen Gauner und wütend über den Kommissar, der den Fall unter den Teppich kehren wollte: Politik, hatte Montalban gesagt. Aber was war Politik an diesem Mord? 

Ich wollte gerade gehen, als ich hinter einer der nächsten Urnenmauern eine Bewegung spürte. Hatte sich dort jemand geduckt? Waren das Schritte auf Zehenspitzen, die ich gehört hatte? Ich griff in die Innentasche meines Jacketts, wo ich meine Luger zu finden hoffte. Sie war nicht da, ich hatte sie heute morgen im Büro gelassen. Ich bückte mich und lief geduckt in Richtung der verdächtigen  Geräusche. Mit vier, fünf Schritten war ich an der Ecke der Mauer, hinter der ich die Bewegung vernommen hatte, mit einem weiteren Schritt kam ich um sie herum. Und sah sie.

Sie stand mit dem Gesicht zu einem Urnengrab und rieb verlegen mit ihrer rechten Hand an einem Namenszug herum. Eine Trauernde. Eine Trauernde? Ich ging direkt auf sie zu, ohne jede Distanz. Direkt neben ihr blieb ich stehen, verdeckte mit meiner linken Hand den Namenszug, an dem sie herum gefingert hatte.

„Sie kannten ihn? Oh ja, ich auch. Sein Tod war für uns alle schwer. Gott habe dich selig, geliebter Diego Fernandez Esteban.“

Sie schaute mich an, mit großen Augen unter einem pechschwarzen Pony, und da sah ich erst, wie jung und schön sie war. Sie nickte und rieb sich die Augen. Dann wandte sie sich um und wollte gehen. 

Mein Arm schnappte fast automatisch nach vorne, und mein Griff, mit dem ich das Mädchen im nächsten Moment festgehalten hatte, war nicht gerade gentleman like. Ich zog sie zu mir heran.

„Diego Fernandez Esteban ist ein  schöner Name“, sagte ich, „vor allem dafür, dass ich ihn  mir ausgedacht habe. Aber es ist nicht der Name auf dem Urnengrab, an dem du rum gefummelt hast. Was also willst du wirklich hier?“

Das Mädchen druckste, dann brach es in Tränen aus, die dieses Mal echt schienen. Ich kämpfte gegen meinen Beschützerinstinkt, der üblicher Weise proportional mit der Schönheit der zu beschützenden Frau stieg, und riss sie noch dichter an mich heran.

„In drei Sekunden weiß ich, wer du bist“, zischte ich ihr ins Ohr. „Nur dass du es dann nicht mehr weißt. Okay?“

„Nein“, sagte sie kaum hörbar und dennoch mit erstaunlich fester Stimme. „Sie tun mir nichts. Ich weiß, dass Sie mir nichts tun. Ich bin Vicentes Tochter.“

Ich ließ sie los und lehnte mich rückwärts gegen die Urnenmauer. Ich muss dort gute dreißig Sekunden gestanden haben, schweigend und überrumpelt.

„Ich glaube, ich könnte jetzt einen Johnnie Walker gebrauchen“, sagte ich und stieß mich von der Mauer ab, „kommen Sie mit?“

 

KAPITEL 7: LUISA.

Sie wohnte direkt an der Metrostation Santa Coloma, nördlich des Riu Besos, eines kleinen, stinkenden Flusses, der nur in den Frühjahrsmonaten Wasser führte. Hier oben war ich das letzte Mal vor drei Jahren gewesen, als ich in einer schmutzigen Kindschaftsaffäre ermittelte. Ein Millionär aus der Barceloneser Werbeszene hatte sich hier eine minderjährige Geliebte gehalten. Sie wurde schwanger, bekam das Kind und drohte, vor der Presse auszupacken. Ich wurde beauftragt, sie mit Geld und Drohungen davon abzuhalten. Ich legte den Fall nieder, als er mir zu eklig wurde und platzierte meine Ermittlungsakte vor dem Büro eines kommunistischen Staatsanwalts, der sich der Sache leidenschaftlich annahm. Wie ich später erfuhr, hatten die Kleine und ihr Kind ausgesorgt, und der Millionär drohte mir mehrmals am Telefon, mich umbringen zu lassen. Ich glaubte ihm nicht, ich glaubte niemandem aus der Werbung ...

 

Während der ganzen Zeit sprach Vicentes Tochter kein einziges Wort. Nur mit Gesten gab sie mir zu verstehen, dass ich ihr folgen sollte. Das tat ich, auch wenn die Straßen, durch die sie mich führte, schmutziger wurden und die Gestalten, die vor den Eingängen der Wohnsilos lungerten, bedrohlicher.

Zu einem dieser Häuser führte sie mich, und plötzlich, wie aus dem Nichts, war ich umringt von fünf, sechs Burschen zwischen zwölf und 20 Jahren. Sie waren keine Katalanen, sondern hörbar aus dem Süden, Andalusier, vermutete ich, vielleicht sogar Roma. Sie überfielen mich, aber nicht als Gegner, sondern nur, um auszuschließen, dass ich ein Gegner bin. Grob, schnell und gründlich durchsuchten sie mich, einer von ihnen sagte etwas, das wahrscheinlich „Keine Waffe“ bedeutete, ein anderer las in meinem Führerschein und der Detektivlizenz.

„Was ist das?“, fragte der vermeintliche Gangführer in einem ungewöhnlich reinen Spanisch und hielt mir eine rote Plastikkarte vors Gesicht.

„Meine VIP-Card für ´ne Bar an den Ramblas“, sagte ich wahrheitsgemäß. Die Jungens grinsten und gaben mir ein Zeichen, ihnen ins Innere des Hochhauses zu folgen.

 

Wir gingen durch endlose Kellergänge, die offensichtlich die einzelnen, wie Zähne aus einem kaputten Gebiss ragenden Häuser unterirdisch verbanden. Wir gingen fünf, sechs Minuten, und ich hatte es längst aufgegeben, mir den eventuellen Fluchtweg zu merken. Alles verlief schweigend. Plötzlich standen wir vor einer Tür, die das Ende eines Ganges markierte. Ein Bewegungsmelder setzte zwei gleißende Halogenleuchten in Betrieb, und die Tür wurde von innen geöffnet. Ein Junge von höchstens zehn Jahren fixierte mich, als hätte er seinen Vater erkannt, der ihm zehn Jahre Unterhalt schuldete. Dann wurde sein Blick unerwartet freundlich und offen.

„Ist er es?“, fragte er auf spanisch.

„Ja“, sagte das Mädchen, und ich spürte, wie glücklich ich war, ihre Stimme zu hören.

 

Ich war im Headquarter einer Jugendgang. Das erste Mal. Ich hatte viel von diesen Zentren der Macht in den Vorstädten gehört, viele Gerüchte vor allem, von Waffen, gestohlenen High-Tech-Geräten und dröhnendem Gangsta-Rap aus gigantischen Boxen.

Was ich sah, war das Gegenteil: Der Raum, so modern und cool er gesichert war, lieferte die kleinbürgerlichste Idylle, die man sich vorstellen kann. Sofas und Sessel mit Überdecken, Tische mit Keksen und Salzstangen (okay, die waren sicher geklaut), altmodische Aschenbecher und an den Wänden Kitsch-Bilder der andalusischen Heimat. Das einzig Vernünftige in dieser Spießerhölle waren der Hip Hop aus dem Ghettoblaster und der Johnnie Walker, der auf dem Tischchen stand.

Wir setzten uns hin, ich mit einem Scotch, die Jungens mit Wasser und Säften. Sie legten Wert auf ihre Fitness, und ich schämte mich meines Bauchansatzes.

„Gut, dass du da bist, Detektiv“, sagte der Gang-Boss, ein höchstens 20 Jahre alter, extrem schmaler Junge mit dem schwachen Ansatz eines Oberlippenbartes.

„Du denkst, du bist clever und hast Luisa erwischt, aber die Wahrheit ist andersrum: Luisa hat dich erwischt, Detektiv. Sie wollte dich hierher bringen, und genau das hat sie getan.“

Luisa also, so hieß sie. Ich schaute sie an und wunderte mich zum x-ten Mal, wie schön Vicentes Tochter war.

„Ich weiß“, fuhr der Junge fort, „dass in den Detektivstories der Detektiv jetzt mit der Tochter des Mordopfers schlafen müsste, aber das kannst du dir abschminken. Wir wollen dich hier nicht als Romantiker, sondern als Profi. Hast du das bis hierhin kapiert, hombre?“

Ich nickte und war irgendwie zufrieden, dass mir schon so früh dieser idiotische Zahn gezogen wurde. Ich schätzte es, das Heft in der Hand zu haben, aber manchmal wollte ich auch durchschaut werden.

„Okay“, sagte ich, „dann ist das ja geklärt. Und jetzt?“

„Jetzt redest du, Detektiv. Denn wir denken, dass wir das selbe Ziel haben. Sag´ uns deinen Stand der Dinge, und wir sagen dir unseren.“

 

Eine halbe Stunde später hatte ich alles erzählt, was ich bis jetzt ermittelt, unternommen und erfahren hatte: von meinen Treffen mit Kommissar Montalban (dessen Namen ich nicht preisgab), von dem Fremdenführer in der Sagrada Famiglia, der mich auf die Real-Madrid-Connection stieß; von meinem Besuch auf der VIP-Tribüne des Bernabeu-Stadions und dem Notizbuch Jaime Saramangos; von meinem Besuch in der Bar, in der sich Saramango mit Vicente getroffen hatte; und schließlich von dem offenbar ermordeten Real-Spieler, dessen hohe Versicherungssumme Saramango kassiert hatte.

Es war ´ne Menge – mehr als jemals ein echter oder literarischer Detektiv ausgeplaudert hatte. Ich trank einen weiteren Johnnie Walker, um meine Kehle zu befeuchten und meine miesen Gefühle zu ertränken.

Als ich meinen Bericht beendet hatte, war es lange still. Dann stand Luisa auf und schaute fragend den Jungen an, den ich bislang als Gang-Boss vermutete. Der wischte sich Schweiß von seinem dünnen, kindlichen Oberlippenbart und nickte.

Wie in Zeitlupe sah ich Luisas Hände, ihre schmalen Finger, die sich den Knöpfen ihrer Jeans näherten. Was passiert jetzt, um Himmels willen?, fragte ich mich. Ich schaute weg, sah die Jungens an, und als ich wieder in Luisas Richtung sah, hatte sie ihre Jeans bis auf die Knöchel heruntergelassen. Ich erwartete, ihre Beine zu sehen, etwas Schönes – aber dann erkannte ich den Grund dieser seltsamen Präsentation.

Luisas Beine waren übersät von Brandnarben. Ich war Detektiv, ich wusste, woher sie kamen: Zigaretten.

„Der Fall ist viel komplizierter und brutaler, als du denkst“, hörte ich wie aus einem Nebel die Stimme des Gang-Bosses. 

 

„Ich höre“, sagte ich, nachdem Luisa ihre Hose wieder hoch gezogen und sich mit einem Gesicht voller Schmerz und Hass zurück gesetzt hatte.

„Zuerst hörst du“, antwortete der junge Gang-Boss scharf, „und dann handelst du.“

Ich schaute Luisa an und nickte. Ja, ich würde handeln, ich hatte diesen Fall längst zu meinem ganz privaten Fall gemacht.

„Du weißt viel, Detektiv, aber trotzdem nur die Hälfte. Höchstens. Saramango ist der Bösewicht Nummer 1 in diesem Spiel, das ist richtig, aber du kennst das Spiel nicht. Wir kennen es auch nicht ganz, aber wir sind bis zur 80. Minute vorgedrungen.“

Er machte eine Pause, um seine Metapher wirken zu lassen, dann fuhr er fort: „In Madrid spielt Saramango den Unternehmer, Politiker und Real-Manager. Ganz sauber, ganz freundlich, ganz legal. Aber er hat eine zweite Identität, und die spielt er hier in Barcelona: Saramango kontrolliert das Glücksspiel und die Callgirl-Szene der Stadt – und zwar seit langem. Um exakt zu sein, seit den Olympischen Spielen 1992.“

Meine Hände zitterten. Comisario Montalban hatte Recht, als er mich vor den Dimensionen dieses Falls gewarnt hatte. Aber ich befand mich längst mitten drin und hatte keine Chance, seinen Folgen zu entkommen. Ich merkte nur immer mehr, dass ich in einen Plot geraten war, in dem Mord kein trauriger, aber unausweichlicher „Plan B“ war, keine Ausnahme, sondern die Regel.

Ich stellte das Glas zurück auf den Tisch und signalisierte, dass ich mehr erfahren wollte.

„Saramango als heimlicher Pate von Barcelona“, fasste ich zusammen, „soweit hab´ ich’s. Aber Vicente, Luisas Vater, was für eine Rolle spielte er? Hatte er wirklich nur zufällig was erfahren, das er nicht erfahren sollte? Oder war er einer von Saramangos Männern hier?“

 

Als ich die Frage nach Vicente gestellt hatte, erwartete ich einen Aufruhr. Zum ersten Mal hatte ich Luisas Vater nicht nur als Opfer, als kleinen, aber ehrlichen Gauner gesehen, sondern als Mittäter. Würde mir Luisa an die Kehle gehen? Würde ich die bislang so reservierten Jungens der Gang endlich von ihrer anderen, gewalttätigen Seite kennen lernen?

Es geschah das Gegenteil.

„Schau´ an“, sagte der Anführer und lächelte, „unser Detektiv hat einen schlauen Kopf. Er zählt eins und eins zusammen und traut sich sogar, das Ergebnis zu nennen. Du hast Recht, hombre, Vicente war im Zentrum Barcelonas Saramangos Statthalter und Mann fürs Grobe: Seine Bezirke waren Barri Gotic, El Raval und Ciutat Vella, die wichtigsten Viertel der Altstadt. Und er ging dort nicht nur spazieren, unser guter Vicente. Er regierte sein Revier mit eiserner Faust.“

„Und?“, fragte ich scheinbar unberührt, „hat die Geschichte auch ein Ende?“

Ich war verblüfft über das, was ich gehört hatte. Aber ich wollte zurück in den harten Habitus eines „hard boiled detective“ und tat so, als hätte ich nichts anderes erwartet. Ich stand auf und schlenderte zum Nierentischchen, um mir einen letzten Johnnie Walker einzuschenken.

Da schnellte die Hand eines Jungen vor, den ich bislang kaum beachtet hatte. Für mein Alter war ich immer noch fit, auch wenn ich meine Fälle eher mit dem Kopf löste als mit den Fäusten. Vor allem war ich reaktionsschnell. Aber was ich hier erlebte, ließ mich wirken wie einen alten Sack.

Die Hand des Jungen traf mich mitten im Bauch. Nicht heftig, eher wie ein Klaps, eine unglaublich schnelle, flüchtige, aber kalkulierte Berührung, deren Botschaft ich sofort verstand: Es war eine Warnung, aber wovor?

„Ihr Detektive“, sagte der Anführer, „denkt immer, ihr seid in einem Buch. Aber wir leben nicht in Büchern, wir leben in der Realität. Und da verliert man seine Beweglichkeit, wenn man zuviel trinkt. Heb´ dir deine Johnnie Walkers für den Abend auf. Hast du verstanden, Philip Marlowe?“

 

KAPITEL 8: GANGSTER. NÄCHSTE GENERATION.

Ich setzte mich.

„Respekt“, sagte ich in die Runde und meinte damit nicht nur die Schnelligkeit des Jungen, sondern ebenso die literarische Bildung seines Chefs. Ich war hier oben, am dreckigen Ende der L1 und schon mitten im unübersichtlichen Grenzgebiet zwischen Barcelona und Badalona, an eine Gang geraten, die erstaunlich war. Diszipliniert, intelligent, mit einer Mission.

Ich nickte, um zu zeigen, dass ich zuhören und vor allem mitziehen würde. Der Gang-Leader nickte zurück.

„Okay“, sagte er schließlich, „es kam, wie es kommen musste. Vicente wurde seinem Boss, Jaime Saramango, zu auffällig. Er prahlte herum und schmückte sich mit seiner hübschen minderjährigen Tochter, die er auf Sektionstreffen des Saramango-Clans und in die teuren Bars von Poble Sec mitnahm.“

Luisa schaute kurz hoch und nippte an ihrem Wasser.

„Vicente war immer ein einfacher Mann, dessen wichtigste Eigenschaft seine Brutalität war. Mit Luisa wollte er sich Glanz geben. Er führte sie in die Halbwelt ein und beschützte sie gleichzeitig vor jedem Kontakt. Es war lächerlich. Saramango, der seine Geschäfte diskret haben wollte, sah sich das ´ne Zeit lang an, dann schickte er zuerst ´ne Abmahnung. Und dann ein Killerkommando.“

„Nur wegen Vicentes Großmäuligkeit? Oder hatte das schon was mit der Sache mit den Fußballern zu tun?““

„Vicente stand schon auf Saramangos Abschussliste, als es die Sache mit dem Fußballspieler und der Versicherung noch gar nicht gab. Aber genau dieses Verbrechen sollte – für eine kurze Zeit - Vicentes Rettung werden.“

Der Gangleader stand auf und drückte am Ghettoblaster auf Forward, um das laufende Stück, eine aggressive Techno-Nummer, zu überspringen.

„Als die Killer zu Vicente kamen, konnten sie nicht sofort handeln. Sie konnten ihn nur unter einem Vorwand mitnehmen. Erst im Auto schlugen sie ihn nieder und fuhren ihn kreuz und quer durch Barcelona. Luisa hatte die Lunte gerochen und uns alarmiert. Gegen Saramangos Leute sind wir kleine Fische, aber kleine Fische sind wendig beim Schwimmen – und sie kennen ihr Revier besser als die großen. Wir konnten ihnen also folgen, in eine kleine, abgefuckte Pension gegenüber den Markthallen an der Rambla. Eine Stunde observierten wir den Laden, dann kamen die Killer raus, Vicente in ihrer Mitte, übel zugerichtet. Einen Moment lang achteten wir nicht auf Luisa.“

Der Junge sah zu Luisa. Aber die war während seiner Erzählung immer mehr in sich zusammen gesackt, hatte sich ganz verkrochen in sich selbst. Sie wirkte noch zerbrechlicher als sonst, aber ich sah auch den großen Mut in ihr.

„Luisa stürmte auf ihren Vater zu, ignorierte die Killer neben ihm, umarmte ihn und schrie, so laut sie konnte: Papa, du sollst dich doch nicht mit diesen Schwulen abgeben! Komm´ nach Hause, Papa!“

Der Junge machte eine Pause - und plötzlich lachte er. Sein Lachen war echt, jungenhaft, ansteckend. Meine Einschätzung stimmte: Er war höchstens 20 Jahre alt.

„Luisa war sensationell“, fuhr er fort. „Und sie machte das Einzige, was in dieser Situation helfen konnte: Sie war schrill, laut und auffällig. Die Leute auf der Rambla blieben stehen und guckten ´rüber. Klar, was sie sahen? Drei Schwule, von denen einer ziemlich fertig aussah. Es war zu viel für die Saramango-Killer, die man mit allem konfrontieren konnte, aber nicht damit. Sie ließen Vicente fallen, flüsterten >Wir kommen zurück< und machten sich auf zu ihrem Wagen. Es war die beste Szene des Jahres, Slapstick pur.“

„Und dann?“

„Wir brachten Vicente in unseren Keller und versorgten ihn. Er riss sich los und fluchte rum. >Hört auf, an mir rum zu tatschen<, brüllte er, >ich brauch´ keine Hilfe von Kindern. Ich will allein mit meiner Tochter sein<. Wir gingen. Es war das letzte Mal, dass wir Vicente lebend sahen. Zwei Wochen später schickte Saramango ein neues Killerkommando, das ihn regelrecht abschlachtete. Was wir nicht wussten, war, dass in diesen zwei Wochen noch einiges passierte.“

Der junge Gangsta machte eine Pause und begleitete für fünf, sechs Sekunden einen besonders guten Rap mit einem lautlosen Mitsingen und einer schnellen Bewegung seiner Arme und Schultern.

„Als Vicente von dem ersten, erfolglosen Killerkommando abgeholt und zu Boden geschlagen wurde, war er gar nicht bewusstlos. Er bekam alles mit, was die sorglosen Killer redeten. So erfuhr er von dem Versicherungsbetrug und dem Mord an einem wertlosen, aber hoch versicherten Fußballer von Real Madrid. Er witterte seine Chance, noch mal zurück zu kommen ins Geschäft. Er hatte Informationen, die er nicht hätte haben sollen. Informationen gegen Saramango. Wenn er geschickt war, konnte er mit diesem Wissen überleben. Vicente erzählte alles Luisa.“

 

Ich stand wieder auf. Ich muss laufen, um denken zu können. Während ich in dem Kellerraum, der der Gang als Headquarter diente, hin und her ging, fasste ich das Gehörte zusammen.

„Vicente hatte also eine brisante Information. Eine Information, die vielleicht sein Leben retten konnte, die vielleicht aber auch sein endgültiges Todesurteil war. Wieso hat er sein gefährliches Wissen mit seiner Tochter geteilt? War sie nicht schon genug in den Saramango-Sumpf verstrickt?“

Der Gang-Leader nickte.

„Vicente war gerissen und dumm. Aber nicht so dumm, dass er Luisa tatsächlich gefährden würde. Er ließ Saramango wissen, dass er eine Niederschrift von dem, was er gehört hatte,  bei einem Anwalt hinterlegt hatte. Saramango hörte sich seine Bedingungen an und ging auf alles ein. Heute wissen wir, dass es nur zum Schein war.“

Der Junge sprach weiter. Ich merkte, dass er unruhig wurde und zum Ende seines Berichtes kommen wollte.

Plötzlich strahlte er die Nervosität eines Menschen aus, der es eher gewohnt war, zu handeln als zu sprechen. Seine Worte waren weniger Information als ein Briefing, eine klare Handlungsanweisung, ein Auftrag. An mich.

Ich zog die Augenbrauen hoch, als ich dies bemerkte, und nickte ihm zu. Er nickte zurück und sprach jetzt schnell, gehetzt.

„Saramango und Vicente trafen sich in dieser Bar oberhalb der Sagrada Famiglia, die du auch ermittelt hast. Dort lief alles genauso ab, wie es dir der Wirt erzählt hat, von dem wir übrigens wissen, dass du am Ende deiner Recherchen eine Flasche Johnnie Walker mitgehen ließest.“

Er machte eine Pause, um seine Worte und seine Macht wirken zu lassen, und sprach weiter.

„Saramango war es nicht gewohnt, mit kleinen Fischen zu verhandeln. Nach fünf Minuten in der Bar verlor er die Geduld und drohte Vicente, Luisa umzubringen, wenn sein Wissen an die Öffentlichkeit dringen würde.“

„Shit“, sagte ich.

„Nachdem Saramango Luisa ins Spiel gebracht hatte, knickte Vicente ein. Er wollte nur noch raus aus der ganzen Sache. Er traf seine Tochter an einem geheimen Ort, den wir vermittelten, denn er wusste, dass er von diesem Moment an von Saramangos Leuten beschattet wurde. Er schüttelte seine Verfolger für einen kurzen Moment ab und sprach mit ihr. >Geh´ nach Frankreich<, sagte er. >Und was machst du, Papa?<, fragte Luisa. >Ich mache etwas, das ich mir niemals zugetraut hätte<, antwortete Vicente. >Aber es ist meine einzige Wahl, wenn du und ich überleben wollen. Ich geh´ zu den Bullen, zu Kommissar Montalban, und erzähle ihm alles, was ich weiß.<“

„Sagtest du Montalban?“, fragte ich entsetzt.

Der Gang-Leader nickte.

„Ja, das sagte ich. Und ich sag´ dir noch mehr, Detektiv. Montalban schickte Vicente in die Wüste. Er hörte ihm zu, aber er glaubte ihm nicht. Zumindest gab er vor, ihm nicht zu glauben. >Du willst nur deinen Hals retten und dir Straffreiheit erkaufen, indem du mir solche Geschichten erzählst<, sagte er. >Mach´, dass du abhaust. Verschwinde von hier und verleumde nie wieder einen Jaime Saramango oder andere Prominente.< Mit ungefähr diesen Worten schmiss Montalban Vicente aus seinem Kommissariat. Verstehst du, Detektiv? Er nahm ihn nicht einmal fest, was er hätte tun können, denn gegen Vicente lag wegen kleinerer Vergehen ein Dutzend Haftbefehle vor. Er ließ ihn laufen – direkt in die Arme von seinen Mördern. Verdammt, es war ein abgekartetes Spiel...“

 

„Am nächsten Morgen fanden Aushilfsarbeiter der Städtischen Müllabfuhr Vicentes Leiche im Botanischen Garten unterhalb des Passeig Olimpic.“

Der Gang-Leader ging zu Luisa und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Er war nicht getötet worden. Er wurde geschlachtet. In seiner Hand hielt er – wie eine antike Grabbeigabe – ein Foto Luisas. Das Besondere daran war, dass die Hand gut 200 Meter von seinem Körper entfernt gefunden wurde. Die Obduktion ergab, dass er lebte, als die OP ausgeführt wurde.“

Wieder eine kurze Pause. Die Dramaturgie des Jungen war perfekt.

„Auf der Rückseite des Fotos fand man eine eingeschweißte Stehplatzkarte für das Spiel Real gegen Atletico Madrid, reserviert auf Luisas Namen. Die Botschaft war klar: Saramango wusste, dass Vicente seiner Tochter die Geschichte von dem ermordeten Real-Spieler erzählt hatte – und er lud sie ein in die Höhle des Löwen.“

Der Gangsta machte eine theatralische Pause,  und ich wusste, jetzt kam der Auftrag.

„Das Spiel ist am kommenden Sonntag, Detektiv. Wir wollen wissen, was Saramango vorhat. Du wirst mit Luisa hinfahren.“

 

Bernabéu, zum zweiten. Warum nicht? Wir nahmen einen Linienflug vom Aeroport del Prat, dem Flughafen von Barcelona, nach Madrid.

„Die Tickets sind bezahlt“, hatte der Gang-Leader bei unserer Verabschiedung gesagt, „sie sind hinterlegt am Schalter der Iberia in der Inland-Halle. Guten Flug und guten Erfolg.“

Es waren Tickets erster Klasse.

„Eure kleine Organisation ist offenbar ziemlich liquide“, sagte ich zu Luisa.

„Es ist nicht meine Organisation“, antwortete sie.

Ich nickte und ging voran zum Gate. Wir schwiegen. Wir hatten die ganze Fahrt zum Flughafen nichts anderes getan. Luisa schien gefangen in ihrer Welt und ihrer Angst vor dem, was kommen könnte. Sie fühlte sich kaum sicherer an meiner Seite. Ich war ein Fremder für sie, der plötzlich den Aufpasser spielen sollte. Aber nicht nur den: Ich war auch Angler, auf der Suche nach dem großen Fisch Saramango. Und in dieser Sichtweise war Luisa nur der Köder. Sie wusste das, und sah keinen Grund, mir Sympathien zu schenken.

Im Flugzeug bestellte ich einen Johnnie Walker für mich und eine Cola für Luisa. Sie schaute mich verächtlich an und ließ ihr Getränk den ganzen Flug über unberührt stehen. Sie hasste es, nicht gleichwertig behandelt zu werden.

„Du bist keine Erwachsene“, sagte ich zu ihr, „also trink´ deine Cola und sei froh, dass ich dir keinen Fruchtsaft bestellt habe.“

Ich fragte mich, wohin der Tag mit ihr noch führen würde, und war in gewisser Weise froh, dass darüber nicht Luisa und ich entscheiden mussten, sondern ein anderer: Jaime Saramango. Er hatte ihr das Ticket zuspielen lassen. Er hatte dafür gesorgt, dass der Körper ihres ermordeten Vaters bei den Bullen, seine Hand mit dem Ticket aber bei ihrer Gang landete.

Aber was wollte er von ihr? Und wozu wollte er sie ausgerechnet im Stadion Santiago de Bernabeu treffen? Ich kritzelte ein Diagramm auf die Rückseite der Iberia-Kundenzeitung, um mir klar zu werden über die handelnden Personen in diesem Krimi und ihre Beziehungen zueinander. Aber das lohnte sich nicht. Es war eine Rechnung mit weitaus mehr als nur zwei Unbekannten. Ich zerknüllte den Zettel und orderte einen weiteren Scotch.

 

Wir landeten pünktlich am Aeroport Barajas und fuhren mit einem Taxi ins Zentrum Madrids. Das Spiel Real gegen Atletico war für 18 Uhr angesetzt. Die Uhr über dem Taxameter zeigte 10.25 Uhr. Wir hatten noch Zeit, uns herumtreiben zu lassen. Aber wir hatten unterschiedliche Vorstellungen über das Ziel. Luisa hatte ihre Sprache wieder entdeckt und schlug einen Club vor, der von drei Uhr morgens bis zum nächsten Mittag aufhabe. Das Coppelia an der Plaza de los Mostenses, ein Techno-Schuppen. Ich willigte ein.

„Aber nur unter einer Bedingung. Wenn der Laden zumacht, gehen wir ins Museum. Ich war noch nie in Madrid, ohne ein paar Goyas zu sehen. Abgemacht?“

Luisa nickte, und zum ersten Mal schwand die Fremdheit und Distanz, die zwischen uns herrschte. Der Taxifahrer musterte uns im Rückspiegel. Er hielt uns für ein ungleiches Paar oder für Vater und Tochter. Ich hielt ihn für einen miserablen Chauffeur. Wir waren vom Autobahnring gerade auf die Calle de Alcala abgebogen, und er hatte schon ein halbes Dutzend roter Ampeln überfahren.

Das Coppelia war ein Labyrinth, in dem sich die ganze Madrider Techno-Szene versteckte. In allen Winkeln, Ecken, Nischen und Gängen standen und tanzten Leute zwischen 15 und 50. Es gab mehr Ecstasy als Nikotin und Drinks zusammen. Wir nahmen nichts, aber entspannten sofort. Wortlos. Luisa hakte sich unter bei mir und zog mich zu einer der Bars. Wir standen und schauten. Irgendwann bemerkte ich, dass ich nicht mehr stand. Ich bewegte mich, langsam zuerst, dann passend zu 180 Beats per Minute, die mir meinen Bauch kitzelten und umkrempelten. Warum bin ich hier? Wo war Luisa? Ich hielt inne und orientierte mich. Luisa drehte mir den Rücken zu und tanzte. Im Schwarzlicht schimmerte ihr String unter ihrem Kleid hervor. Ich bestellte einen Scotch und noch einen und sah auf die Uhr.

 

Als wir das Coppelia verließen und auf die Gran Via hinaustraten, spürte ich die Wirkung des Johnnie Walker. Die Sonne stand am Zenith und hatte die Stadt unter ihren Wärmeschild genommen.

„Wir essen was und gehen in den Prado“, sagte ich zu Luisa. „Auf wen hast du am meisten Lust? Rubens? Tizian? Greco? Sie sind alle großartig, aber Goya ist der Größte. Komm´, da drüben ist ´ne Bar. Wir nehmen Tapas und gehen dann zu Fuß zum Museum.“

Luisa hatte ihr abweisendes Wesen im Coppelia abgelegt, wie einen Mantel, für den es plötzlich zu warm ist. Sie hakte sich wieder unter bei mir.

„Oh ja. Ich hab´ einen Riesenhunger. Aber wir dürfen das Spiel nicht verpassen. Auch wenn ich nicht hin will und Angst habe, wir müssen wissen, was Saramango von mir will.“

Es waren noch viereinhalb Stunden bis zum Treffen.

 

KAPITEL 9: BERNABEU REVISITED.

Zwei Stunden vor Spielbeginn verließen wir den Prado. Mein Kopf war voll von dieser Goya-Zeichnung, die einen Aufständischen unmittelbar vor seiner Hinrichtung zeigt, getaucht in das gespenstische Licht einer Fackel. Ich stellte mir vor, dass Vicente denselben Blick, dieselbe gierige Angst in seinen Augen hatte, bevor die Killer des Jaime Saramango sein Leben beendeten. Ich war so sehr in meinen Gedanken und Assoziationen vertieft, dass ich den Mann nicht bemerkte, der auf dem Vorplatz des Museums mit Luisa zusammen stieß.

„Alles okay?“, fragte ich sie, während der Typ ohne jede Entschuldigung schnell in Richtung des Atocha-Bahnhofs verschwand.

„Alles okay“, antwortete Luisa.

Ich nickte ihr zu. Aber irgendetwas in mir (vermutlich der Detektiv) verriet mir: Nein, hier ist nicht alles okay. Ich grübelte, entschied mich dann aber, den Zusammenstoß als normal anzusehen. Wir winkten ein Taxi heran und ließen uns zum Stadion fahren.

 

Das Ticket galt für den Block G, direkt gegenüber der Ehrentribüne. Ich hatte mir schon in Barcelona ein weiteres Ticket gekauft, mit dem ich drei Reihen hinter Luisa saß. Wir waren pünktlich, das Stadion war bereits gefüllt.

Luisa fiel auf. Sie war das einzige Mädchen im ganzen Block. Sie senkte den Altersschnitt um Jahre, was im Umkehrschluss hieß, dass ihr alle Blicke gehörten – geile, anzügliche Blicke und die entsprechenden Bemerkungen dazu. Sie ertrug es mit äußerlicher Ruhe.

Links neben ihr saß ein verknitterter Alter, der ihr Urgroßvater hätte sein können, rechts von ihr ein Mittfünfziger, der sich auf seinen Spazierstock stützte und einen Schal der Ultras um den Hals trug. Einmal, kurz vor Anpfiff, sah ich ihn im Profil. Ich war mir sicher: Dies war der Mann, den Saramango neben Luisa platziert hatte.  

Als das Spiel begann, fingerte ich aus meiner Jackentasche eine Romeo et Julieta im Churchill-Format und steckte sie mir in den Mund. Unten auf dem Rasen des Bernabeu-Stadions begannen bereits die hässlichen Szenen, die zu jedem Spiel zwischen Real und Atletico gehören.

Hierro sprang einem Gegenspieler mit gestrecktem Bein in die Fersen, der Schiedsrichter pfiff Foul, konnte sich aber nicht zu einer Gelben Karte durchringen. Das Stadion kochte, auf dem Feld gab es derbe Rempler und Schauspiel-Einlagen, die Linienrichter liefen ihrem Chef zu Hilfe, und die Ultras auf der Südtribüne warfen ihre ersten Feuerwerkskörper. Schon nach vier Minuten war alles so, wie es bei einem Madrider Revierderby sein musste ...

 

Ich liebe Fußball, und ich liebe Emotionen. Aber an diesem Abend interessierte mich das alles nicht. Statt dem Spiel zu folgen, beobachtete ich Luisa und den neben ihr sitzenden Mann, den ich noch immer für einen Gesandten Saramangos hielt. Von Zeit zu Zeit nahm ich einen kleinen Feldstecher in die Hand und beobachtete die Ehrentribüne gegenüber.

Jaime Saramango saß neben dem Atletico-Präsidenten Jesus Gil y Gil – und hatte ebenfalls einen Feldstecher in der Hand. Auch er schaute nicht aufs Spielfeld, sondern zu uns, genauer zu Luisa, die inzwischen immer wieder von dem Mann neben ihr angesprochen wurde.

Ich kramte erneut in den Taschen und steckte mir ein Paar Kopfhörer in die Ohren. Aber nicht, weil ich – wie viele andere hier – die Zwischenergebnisse der anderen Mannschaften aus dem Radio hören wollte. Sondern das Gespräch zwischen Luisa und dem Fremden.

„No, gracias“, lehnte ich das Feuer meines Nachbarn ab, der es nicht länger ertrug, mich mit unangezündeter Zigarre zu sehen.

„Ich versuche, mir das Rauchen abzugewöhnen“, schickte ich als Erklärung hinterher.

Ich hätte ihm schlecht sagen können, dass in der vermeintlichen Zigarre ein Richtmikrofon steckte.

 

Dann ging ich auf Sendung. Empfang und Ton meines Mikrofons waren erbärmlich, aber das Wesentliche bekam ich mit.

„Wir wissen, dass Ihr Vater sein Geheimnis nicht mit ins Grab genommen hat“, sagte Luisas Nachbar zu ihr, während Zinedine Zidane einen Freistoß an das Lattenkreuz des Atletico-Tores schlenzte.

„Haben Sie meinen Vater nur umgebracht, weil er ein Geheimnis hatte?“, fragte Luisa zurück, während der Abpraller Raul vor die Füße fiel.

„Ihr Vater hat gegen Regeln verstoßen“, antwortete der Mann in dem Moment, als Raul den Ball annahm und quer auf den besser postierten Figo legte, „wir wären furchtbar unglücklich, wenn seine Tochter auch gegen Regeln verstoßen würde. Bitte arbeiten Sie mit uns zusammen. Gegen uns zu agieren, würde nur zu weiterem Leid führen.“

Er redete noch weiter, salbungsvoll wie ein Priester und kalt wie ein Killer, aber mehr hörte ich nicht: Figo jagte das Leder unter die Latte, und das Estadio Santiago de Bernabeu explodierte in einem einzigen Schrei: GOOOOOL.

 

Nach dem Tor verflachte das Spiel. Die Königlichen spielten auf Ergebnis-Halten und spulten souverän und mit aufreizender Lässigkeit ihr Pflichtprogramm runter. Atletico konnte oder wollte das Spiel nicht an sich reissen. Kurz vor der Pause waren die Zuschauer in den Fankurven nur noch mit sich selbst beschäftigt. Gegenseitige Hassgesänge wogten von Fanblock zu Fanblock, hier und da an den Absperrgittern gab es die ersten Handgreiflichkeiten. Über meine Ohrhörer und mein Zigarren-Mikro lauschte ich weiter dem Gespräch zwischen Luisa und dem Saramango-Mann, aber auch da gab es nichts Neues. Sie tauschten verlogene Höflichkeitsfloskeln aus, die nur ein Ziel hatten: Zeit für die jeweiligen Ziele gewinnen.

Kommunikation zwischen Feinden war wie Fußball zwischen Gegnern: 89 Minuten geschah nichts. Der tödliche Stich oder Pass brauchte nur wenige Sekunden. Aber er kam. Todsicher.

 

Die Menge wartete sehnsüchtig auf den Halbzeitpfiff – das Fußvolk, um zu den Bierständen zu stürmen, die VIPs, um sich in ihren Logen wichtig zu machen. Ich betrachtete noch einmal Jaime Saramango durch mein Fernglas, sein selbstzufriedenes Gesicht, seine Arroganz, seinen schmalen Mund, die kalten Augen und die berühmten fleischigen Ohren, die man von vielen Zeitungsfotos kannte.

Stop. Die Ohren. Was war das eben?

Ich schwenkte mein Fernglas zurück auf Saramango und justierte die Scharfeinstellung. Irgendwas hatte ich gesehen, das dort nicht hingehörte. Die Ohren. Verdammt. Auch Jaime Saramango trug Kopfhörer. Winzige Dinger, wie ich, aber die schwarze Schnur zu ihnen war unübersehbar. Sie hob sich ab vor dem Hintergrund eines fetten Weißhemdes hinter ihm. Kopfhörer. Warum trug auch Saramango Kopfhörer? Bestimmt nicht, um nebenbei Radio-Reportagen von anderen Spielen zu hören. Aber warum dann?

Ich senkte mein Fernglas. Dachte nach. Und plötzlich machte es Klick. Der Rempler des Fremden mit Luisa vor dem Prado-Museum. Mein komisches Gefühl dabei. Richtig: Das war kein Zufall. Auch dieser Typ war ein Saramango-Mann. Und er stieß absichtlich mit Luisa zusammen. Um ihr ein winziges Mikro an die Kleidung zu stecken. Wahrscheinlich mit Klettverschluss. Ein Mikro, über das Saramango mithören konnte. Das ganze Gespräch zwischen ihr und seinem Laufburschen.

Ich nahm das Fernglas erneut in die Hand und richtete es direkt auf Luisas Rücken. Sie trug eine kurze, schwarze Jacke mit einem Kunstpelzkragen, auf dem ihre langen schwarzen Haare lagen. Aber das sah ich alles nicht. Versuch´ mal, mit einem guten Fernglas etwas zu sehen, das nur drei, vier Meter entfernt ist. Es geht nicht.

„Süß, die Kleine, oder?“, hörte ich in diesem Moment meinen Nachbarn sagen. „Tolle Haare, so glatt und –“

„Ja, ja“, antwortete ich unwirsch, aber dann sah ich, dass auch er ein Fernglas in der Hand hielt. Aber ein viel kleineres, schwächeres als meins, eines, das auch noch auf kurze Entfernungen funktionieren würde.

„Darf ich mal Ihres haben?“, fragte ich.

Ich gab meinem Nachbarn meinen Feldstecher und nahm im Austausch sein Opernglas. Am Spielfeldrand wurde noch eine Minute Nachspielzeit angezeigt. Ich musste mich beeilen, wenn ich meine Indizien beweisen wollte. Im Okular fixierte ich Luisas Rücken und stellte die Scharfstellung ein. Bitte, lasst noch länger nachspielen, flüsterte ich unhörbar, während ich mit dem Opernglas Luisas Jacke, den Kunstpelz, die Ärmel absuchte. Dann, im selben Moment, in dem der Schiedsrichter zur Pause pfiff, entdeckte ich es.

Es steckte im Schulteransatz von Luisas Jacke, praktisch in ihrer Achselhöhle, und ich konnte es nur entdecken, weil sie sich kurz die Haare aus der Stirn strich und dabei den Arm hob. Da war es also, das Mikrofon, über das Saramango mithörte und die Kontrolle behielt. Ich war fest entschlossen, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen. Jetzt sofort, in der Halbzeit. 

 

Luisa und ich hatten verabredet, im Stadion als Fremde aufzutreten und nicht miteinander zu kommunizieren. Ich sollte ihre Kontakte registrieren, ihre Gespräche belauschen und die Saramango-Leute, die Kontakt zu ihr suchten, fotografieren. Daran hielt ich mich, aber nur bis zu dem Moment, bis Luisa und ihr Nachbar die steilen Betontreppen zu den Bierständen emporstiegen.

Und dieses Mal war ich´s, der Luisa anrempelte, im Gedränge, kaum bemerkt von ihrem Begleiter. Aber heftig genug, um ihr unter die Achsel zu greifen. Zwei Sekunden später war ich im Gewühl verschwunden. In der Hand das winzige Knopfmikro, über das Saramango eine Halbzeit lang mitgehört hatte.

Ich grinste, suchte mir eine etwas ruhigere Ecke vor den Toiletten und betrachtete meine Beute: Es war ein extrem teures High-Tech-Mikro, wie es der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad benutzt. Ich schluckte. Saramango sparte an nichts. Dieser Fall und Luisa waren ihm wichtig. Verdammt wichtig. Ich versenkte das Mini-Mikro in meiner Jacket-Tasche. 

 

KAPITEL 10: DUELL.

45 Minuten später stand ich an der Bar, an der sich nach Spielende die VIPs von Real Madrid und ihre Claqueure treffen. Hier herrscht normalerweise das große Schulterklopfen (nach Siegen) oder das melodramatische Leiden (nach Niederlagen). Im Mittelpunkt stets Reals Vizepräsident Jaime Saramango, seine narzistische Frau und eine seiner zahllosen Geliebten. Eine Gesellschaft, die ich normalerweise zu vermeiden suche. Dieses Mal genoss ich sie. Denn Saramango war auf 180. Er kochte.

Für die Umstehenden war der Grund seiner Wut nicht ersichtlich, denn Real hatte in der zweiten Halbzeit ein weiteres Tor zu einem komfortablen 2:0 erzielt. Alle waren bester Dinge – das heißt, sie wären bester Dinge gewesen, wenn der Chef es erlaubt hätte. Aber der Chef, Saramango kochte. Und ich war der einzige, der wusste, warum. Ich bestellte einen Johnnie Walker Black Label, eine Macanudo und ein Zigarrenmesser – und genoss...

Ich setzte gerade das Scotchglas an und betrachtete zufrieden meine gleichmäßig brennende Macanudo, als mir eine unangenehm kräftige Hand auf die Schulter tippte. Ich drehte mich langsam um und sah in das aggressive Gesicht eines Saramango-Bodyguards.

„Sie sind zum ersten Mal hier?“, fragte er mich, und aus seiner Stimme war das vergebliche Bemühen zu hören, Konversation zu machen, charmant und lässig zu sein. Sein Bass dröhnte, und sein Atem stank.

Ich schaute ihm unbewegt in die Augen.

„Sind Sie Saramangos Fahrer? Oder der Fahrer von Saramangos Fahrer?“

Damit war klar, dass wir nie Freunde werden würden, aber das war auch nicht nötig. Denn schon kam sein Chef persönlich auf mich zu.

„Ich mag Männer, die auf hohem Niveau beleidigen können“, begrüßte er mich, „und ich verachte Männer, die mir in die Quere kommen. Ich glaube, wir haben etwas zu besprechen.“

Ich erwiderte Saramangos Blick und nickte. Ich hatte ihn vor nicht einmal zwei Wochen zum ersten Mal gesehen. Zusammen mit Natascha, die ihm später sein ledernes Notizbuch klaute. Ich war mir schon damals sicher, dass er nur Nataschas Gesicht abgespeichert hatte. Jetzt suchte er in seinem Gedächtnis, aber er fand mich nicht. Aber Saramango war nicht der Typ, der sich mit so was aufhielt. Sein Selbstverständnis war groß genug, dass nicht er sich die Leute merken musste. Sondern die Leute sich ihn. Wichtig war für ihn eine ganz andere Intuition – und die stimmte: Er spürte, dass ich der Mann war, der ihm in der Abhörsache einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Mein Nicken sollte ihm das sofort bestätigen. Er bat mich in einen Nebenraum seiner Loge.

Er zeigte auf einen braunen Ledersessel, den ich auf mehrere tausend Euro taxierte. Er selbst blieb stehen und wandte sich der großen Panorama-Scheibe zu, durch die man einen herrlichen Blick auf den jetzt leeren, saftig grünen Rasen hatte.

„Wie haben Sie die zweite Halbzeit gesehen?“, fragte er mich, während er einen Knopf drückte, der die Jalousien herunter gleiten ließ. „Ich hatte das Gefühl, nach der Pause nicht mehr richtig auf Sendung gewesen zu sein. Deshalb interessiert mich ihre Analyse brennend.“

Jaime Saramango, der normalerweise als perfekter Produzent von nichts sagenden Worthülsen galt, zeigte sich von seiner besten Seite, als großer Rhetoriker. Ich freute mich, denn das bewies, dass er mich ernst nahm. Ich verstand seine Anspielung und stand auf, um ihm auf Augenhöhe antworten zu können.

Saramangos Handy klingelte in dem Moment, als ich zu sprechen begann. Er zog es aus der Tasche seines Anzuges, von dem ich sicher war, dass ihn ein englischer Maßschneider angefertigt hatte. Ich wandte mich ab, um Saramango in Ruhe telefonieren zu lassen, aber er drückte das Gespräch weg, ohne es anzunehmen.

„Es tut mir Leid“, sagte ich, „dass Sie die zweite Halbzeit nicht richtig mitbekommen haben. Aber ich kann Sie beruhigen: Sie haben nichts verpasst. Es gab nur das gleiche Geplänkel wie in der ersten.“

Wer uns zugehört hätte, wäre von einer Fußballdiskussion ausgegangen. Nur wir beide wussten, worum es wirklich ging. Oder? Wussten wir es wirklich?

Natürlich ging es um das Gespräch zwischen Luisa und dem Saramango-Mann. Und darum, dass ich dazwischen gefunkt hatte. Aber wirklich wichtig war das nicht, Erkenntnisse hatte das Gespräch nicht gebracht.

Nein, es ging schon längst um mehr - um Macht. Ich hatte Jaime Saramango dort, wo ich ihn haben wollte: Zum ersten Mal zweifelte er an seiner Macht. Deswegen hatte er mich hierher bestellt, ins Separée zu einem Gespräch unter vier Augen. Und deshalb veranstaltete er diesen verbalen Eiertanz. Um nicht die Frage stellen zu müssen, die eigentlich längst fällig war: „Wer sind Sie? Und was wollen Sie von mir?“

 

„Wer sind Sie?“

Saramango fixierte mich. Ich hatte diese Frage erwartet, aber ich zögerte die Antwort hinaus. Saramango goss sich einen Drink ein, und es war nicht zu übersehen, dass er dies normalerweise nicht selbst tat. Ein Jaime Saramango, Bauunternehmer, Politiker und Vizepräsident von Real Madrid, ließ sich seine Drinks einschenken. So wie er alles machen ließ – Verträge, Vertragsbrüche, Verbrechen, Morde.

Ich zog meine Karte aus dem Jackett und gab sie ihm.

„Oh, ein private eye?“, fragte er und hob seine rechte Augenbraue.

Er war ein Spieler, aber durchschaubar. Er müsste sich verdammt warm anziehen, um mich ausdribbeln zu können.

Saramango setzte sich in den zweiten Ledersessel mir gegenüber. Eine halbe Minute schwiegen wir. Dann eröffnete ich den Zweikampf mit einer taktischen Grätsche.

„Ich habe die Leiche von Vicente gesehen“, sagte ich, als würde ich von einem unbedeutenden Zweitliga-Spiel berichten. „Sie sah nicht besonders schön aus, und die rechte Hand befand sich ziemlich weit weg vom restlichen Körper. Ich meine, wie sollte sich der arme Vicente am Kopf kratzen?“

Ich war gespannt auf Saramangos Antwort. Im Krimi müsste er jetzt fragen: Wer ist Vicente? Oder: Was habe ich damit zu tun? Aber Saramango blieb cool.

„Ach, die Vicente-Geschichte. Ich kenne ihn. Ja, ja, armes Schwein. Ich habe ihm einen kleinen Job in Barcelona verschafft, und jetzt versuche ich, mich ein wenig um seine Waise zu kümmern – wie hieß sie noch?“

Er war gut, und er drückte mich mit seiner ungewöhnlichen Spielweise weit in die eigene Hälfte.

„Luisa“, antwortete ich. „sie heißt Luisa. Und zur Zeit kümmere ich mich um sie.“

Saramango öffnete den Humidor, der auf dem flachen Tisch zwischen  uns stand und nahm sich eine Montechristo No. 4, die ich gewöhnlich ablehnte. Sie war mir zu stark. Außerdem hatte ich noch meine Macanudo.

„Luisa, ja“, sagte Saramango, „ein hübsches Mädchen. Ich habe sie heute ins Stadion einladen lassen, um ihr eine Freude zu machen. Einer meiner Angestellten hat sich um sie gekümmert.“

„Das habe ich gehört“, sagte ich, „ich saß drei Reihen hinter den beiden und hatte ein Richtmikrofon dabei. Aber eine Halbzeit haben Sie ja selbst mitgehört, Senor – hier, das ist doch Ihr Mikrofon, oder?“

Ich gab ihm das winzige Mikrofon, das ich seinem Laufburschen abgenommen hatte und stand auf.

„Ich denke, wir vertrödeln unsere Zeit, wenn wir um den heißen Brei herumreden. Ich habe zwei Fragen, Senor. Erstens: Was wollen Sie von Luisa? Und zweitens: Was ist mit Luisas Vater passiert?“

 

Saramango stand auf, legte die Zigarre in den Aschenbecher und drückte auf einen Knopf, der sich unter der Couchtischplatte befand.

„Sie hatten Ihre Chance für ein Gespräch mit mir“, sagte er, „aber Sie haben kein Talent für eine positive Gesprächsführung. Ich muss mich niemandem gegenüber rechtfertigen, wieso also sollte ich einem Deutschen Rede und Antwort stehen, der sein zweifelhaftes Glück als Detektiv in Spanien versucht?“

„Vielleicht“, antwortete ich und stand ebenfalls auf, „weil ich der einzige bin, der Sie und Ihre Geschäfte vor einer zu allem entschlossenen Jugend-Gang schützen kann.“

„Oh Gott, Heilige Maria und Jesus“, stöhnte Saramango ironisch und theatralisch, „ich soll mich vor einer Jugend-Gang aus Barcelona fürchten? Das meinen Sie doch nicht im Ernst.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Die Zeiten haben sich geändert, Saramango. Sie repräsentieren das alte Verbrechen. Die Kids aus den Ghettos der Großstädte repräsentieren das neue. Glauben Sie mir - wenn es mit diesen Kräften hart auf hart kommt, sind Ihre Strukturen unterlegen. Ich habe die Typen erlebt – und ich habe mich gefühlt wie bei einem Global Player des Untergrunds: perfekt organisiert, offen in der Kommunikation, aber im Notfall bereit zu äußerster Brutalität. Diese Gang hätte einen Vicente nicht einmal zum Bierholen beschäftigt – verstehen Sie, was ich meine?“

Saramango verstand, aber weniger wegen meiner Worte als wegen der Botschaft, die ihm in diesem Moment einer seiner Bodyguards brachte: Zwei Unterbosse des Saramango-Zweiges in Barcelona waren vor zwei Stunden mitsamt ihren Leibwächtern hingerichtet worden.

 

Nein. Ich hatte die Nachricht in diesem Moment nicht gehört, ich hatte nicht ein einziges Wort verstanden. Der Bodyguard hatte so leise geflüstert, dass ein kreidebleicher Saramango zweimal nachfragen musste. Aber ich hatte noch immer mein seltsames Zigarren-Richtmikro an, und das Mini-Disc-Aufnahmegerät lief auch noch. Ich hörte es später ab. Aber da saß ich schon in einem Flieger des Innenministeriums neben Kommissar Montalban und Luisa und flog durch die Winternacht nach Barcelona.

 

Das Gespräch in Saramangos VIP-Loge wurde nach der Botschaft der Bodyguards nicht mehr aufgenommen. Es blieb eine ganze Minute lang still zwischen uns.

„Schlechte Nachrichten?“, fragte ich, zu diesem Zeitpunkt noch ehrlich unwissend.

„Ja, für Sie“, sagte Saramango, „und dies schon lange.“

„Nämlich?“

„Sie glauben doch nicht, dass ich mich ernsthaft mit Ihnen auf Augenhöhe unterhalte, oder?“

„Nein, eigentlich nicht. Wobei die Frage ist, wer die Augenhöhe definiert? Das Verbrechen oder das Gesetz?“

„Ach, Detektiv, wie naiv Sie sind. Es geht nicht darum, es geht um Macht. Sie denken, ich repräsentiere das Verbrechen?“

Er lachte.

„Schauen Sie in die Zeitungen, und Sie wissen, was ich repräsentiere. Oder gehen Sie vor die Tür, Detektiv. Da steht das Gesetz. Und es ist ziemlich ärgerlich mit Ihnen.“

 

KAPITEL 11: KURZ VOR DEM AUS.

Saramango drückte erneut den Knopf unter dem Couchtisch, aber dieses Mal kamen keine Bodyguards, sondern Polizisten, in Uniform und in Zivil - und mitten in diesem Pulk schwarzer Hemden und cooler Sonnenbrillen Luisa, bereits in Handschellen und mit einem Blick aus Ratlosigkeit und Wut.

Und dann sah ich noch jemanden, den ich kannte, und ich hörte die Stimme zu dem fetten Mann.

„Mund zu, Detektiv, und ganz langsam aufstehen“, sagte Comisario Montalban.

Einer der Bullen riss mich hoch und stieß mich gegen die Jalousie, die vor dem Fenster herunter gelassen war. Zwischen zwei Lamellen hindurch konnte ich, während die Handschellen um meine Gelenke klickten, einen kurzen Blick auf den Rasen des Bernabeu-Stadions werfen. Ein Hubschrauber des Innenministeriums stand dort. Es war alles geplant, ein abgekartetes Spiel.

Brutal wurde ich herumgeschleudert und direkt vor Kommissar Montalban postiert.

„Sie sind vorläufig festgenommen wegen des Verdachts auf Erpressung und Nötigung zu Ungunsten des Jaime Saramango sowie wegen des Verdachts der Beteiligung und Anstiftung zu einem Tötungsdelikt.“

Ich schluckte. Dann fand ich für einen Moment meine Spannkraft wieder und fragte Montalban:

„Wann wurde diese Aktion beschlossen? Gestern? Vorgestern? Vor einer Woche? Oder sind Sie rein zufällig in Madrid, Comisario?“

 

Eine knappe Stunde später hockte ich auf dem Sitz eines Airbus 318 auf dem Weg nach Barcelona. Der Hubschrauber hatte uns direkt vom Rasen des Bernabeu zum militärischen Teil des Madrider Flughafens gebracht, wo wir die Chartermaschine bestiegen, die sonst für Touristenflüge eingesetzt wird.

Der Flieger war schwach besetzt, die Route scheinbar nicht attraktiv. Ich saß in einer Reihe zwischen Montalban und Luisa. Ich schwieg. Ich hatte viele Fragen, aber ich wusste, dies war kein Zeitpunkt für Diskussionen. Die Flugangst des Kommissars war berühmt in Gangster- und Ermittlerkreisen Barcelonas.

„Ich muss pissen“, sagte ich zwanzig Minuten nach dem Start.

Montalban gab dem nächst sitzenden Beamten ein Zeichen mit dem Kopf.

„Ich brauche meine Hände dazu.“

„Vor der Toilette abmachen“, keuchte Montalban und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. In seiner rechten Hand hielt er ein Taschentuch, mit dem man der ganzen Sahelzone ein Jahr Wasser hätte spenden können.

  Auf der Toilette hörte ich die Mini-Disc ab, die die Nachricht der Bodyguards an Saramango gespeichert hatte.

„Was machen Sie da?“, fragte der Bulle vor der Tür.

„Spülen!“

Ich spülte – und konnte es nicht fassen. Die Gang, die Luisa beschützte und ihre Sache verfolgte, hatte ein verdammt helles Zeichen gesetzt. Ich war mir sicher, dass die Morde an den Saramango-Männern in Barcelona auf ihr Konto gingen. Eine starke Begleitmusik zu Saramangos Einladung an Luisa. Ein Kontrapunkt. Und mehr. Ein Punkt im Spiel.

Mit dieser Gang, mit der auch ich jetzt irgendwie verbandelt war, hatten alle zu rechnen: Saramango, die Polizei und ich. Sie war die große Unbekannte in der ganzen Rechnung und – wenn wir den Fall nicht vorher lösten – die neue, treibende Kraft.

Aber war das Wissen um diese Tat ein Trumpf für mich?

Ich wusste es nicht. Genauso wenig, wie ich wusste, warum ich hier war, warum Montalban mich hochgehen ließ in Madrid. Was wollte er von mir?

 

Barcelona. Der Knast. Zwanzig Quadratmeter Spanien. Fensterlos, Keller, dunkel, gut besucht. Den muffigen Raum teilte ich mir mit über einem Dutzend weiterer Untersuchungshäftlinge. An drei Wänden der Zelle lief eine niedrige, schmale Steinmauer entlang. Ich setzte mich und fingerte eine Kippe aus meiner fast leeren Fortuna-Schachtel. Sofort stürmten vier, fünf Männer auf mich zu und schnorrten mich in mindestens ebenso vielen Sprachen an. Ich schüttelte den Kopf, schwieg und zündete mir die Zigarette an. Ich dachte nach.

Ich brauchte einen Anwalt. Und einen Johnnie Walker Black Label. Ein Bad. Natascha an meiner Seite. Ich nahm noch einen Zug und verschenkte die Zigarette an einen Marokkaner. Rauchen half nichts. Nichts half. Mir wurde klar, dass Montalban Recht hatte, damals, in unserem zweiten Gespräch zum Fall Vicente und Saramango:

„Lass´ die Finger davon“, hatte er gesagt, „die Sache ist eine Nummer zu groß für dich.“

Aber ich hatte nicht gedacht, dass er in dieser Sache so eindeutig Gegner ist. Auch wenn Luisas Gang genau das gesagt hatte. Luisas Gang. Ich spürte, dass ich ohne Wenn und Aber auf diese Jungens setzen müsste. Nicht nur, um hier raus zu kommen, sondern um nicht aufzugeben. 

 

Ich schlief gut. Es war verrückt, aber ich hatte die beste Nacht seit langem. Mein seelischer Haushalt regulierte sich selbst. Er schenkte mir positive Träume und eine Ruhe, die mich stark machte für den nächsten Morgen. Ich vermutete einige harte Verhöre durch Kommissar Montalban und seine Leute. Ich fing an, ihn  zu hassen. Er war jahrelang so etwas wie ein Freund, ein Mann, für den ich katalanisches Kaninchen kochte, dem ich Informationen aus meiner Detektivarbeit gab und von dem ich Informationen erhielt. Jetzt, im Fall Vicente (oder war es nicht eher ein Fall Saramango?), kappte er die Drähte, warnte mich, und als ich seiner Warnung nicht folgte, nahm er mich hoch. Nicht weil er unbedingt musste, sondern weil meine Festnahme Teil eines Planes war.

Montalban musste von Anfang an – gemeinsam mit Luisa und mir – im Madrider Stadion gewesen sein. Er musste gewusst haben, dass ich das Gespräch mit Saramango suchen würde, und er hatte von Anfang an geplant, mich genau dort festzunehmen. Das heißt, er hatte mit Saramango gesprochen, er war von Saramango gerufen worden. Ich war tief hinein geraten in die Machenschaften aus Politik, Verbrechen und Polizei. Ich hatte ein ungemütliches Wochenende vor mir.

Am Samstag gab es ein kurzes Verhör durch Comisario Montalban. Er fragte mich nach meinem Namen, meiner Nationalität, meinem Beruf. Er tat so, als hätte er mich gerade zum ersten Mal gesehen. Er wollte mich provozieren, aber ich gab ihm keine Gelegenheit. Das war alles. Er stellte mir keine einzige Frage zu Saramango. Zwei Polizisten begleiteten mich zurück in Richtung meiner Zelle im Untersuchungsgefängnis. Kurz vorher blieben sie stehen, und ich – mit Handschellen an einen von ihnen gekettet – musste ebenfalls stoppen, zwangsläufig. Plötzlich spürte ich etwas Kaltes in meiner rechten Hand. Ich erschrak – aber im selben Moment schon hatte ich die gewohnte viereckige Flaschenform erkannt. Eine Miniflasche Johnnie Walker.

„Vom Comisario“, sagte der Beamte und öffnete meine Zellentür.

 

Ich trank die Miniflasche Johnnie Walker heimlich und in kleinen Schlucken. Ich wollte meinen Lieblingsscotch weder mit meinen Zellengenossen teilen noch ihn sofort hinunter stürzen. Ich wollte den Genuss so lange wie möglich haben – und nachdenken, beim Trinken nachdenken. Wieso lässt mir Kommissar Montalban, 24 Stunden, nachdem er mich vor Saramangos Augen hochgehen und demütigen ließ, einen Johnnie Walker zustecken? Wieso behandelte er mich, als würde er mich am liebsten für 20 Jahre hinter Gittern sehen, und machte mir zugleich ein illegales Geschenk? Was wurde hier gespielt?

„Nicht nachdenken, Kumpel“, hörte ich die Stimme eines Knastbruders, „bringt eh´ nichts.“

Ich nickte.

 

KAPITEL 12: MONTALBANS FINTE.

Einen Tag später, an meinem zweiten Tag im Untersuchungsgefängnis von Barcelona, wurde ich erneut aus der Massenzelle herausgerufen. „Hey, unser Deutscher hier scheint ziemlich wichtig zu sein“, frozzelten meine Zellengenossen, während ich hinausgeführt wurde. Dabei war es noch gar nicht so lange her, dass man in spanischen  Polizeigefängnissen vor Angst zusammenbrach, wenn man seinen Namen hörte und aus der Zelle gerufen wurde. Die Aufforderung, zum Verhör mitzukommen, glich unter Franco oft genug einer „Einladung“ zur Folter. Ich zitterte bei diesem Gedanken. Und war dankbar über das Spanien von heute. Auch wenn mein Zorn auf Saramango, diesen geleckten Fußballboss und Kriminellen mit weißer Weste, und auf Montalban, den Kommissar, der nicht nur mich, sondern das Gesetz verraten hatte, groß war. Ich folgte den Wachen endlose Gänge entlang zu den Vernehmungsräumen. Meine Beine gingen automatisch, mein Kopf arbeitete fieberhaft. Was würde mich heute beim Comisario erwarten?

 

Als ich in das Vernehmungszimmer geführt wurde, sah ich alles sofort und alles auf einmal: die Flasche Johnnie Walker Black Label, im Geschenkkarton. Das gut gefüllte Rotweinglas. Den Teller mit Tapas. Die durchsichtige Tüte mit meinem Gürtel, meinen Schuhbändern und meinen Kreditkarten, die mir bei Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis abgenommen wurden. Die Zigarre von den Kanarischen Inseln, die der Kommissar so liebte.  Und hinter diesem Stilleben oder Geburtstagstisch oder was diese Inszenierung sonst darstellen sollte – hinter diesem ganzen Zeug hockte ein grinsender, breit und dreckig und ungeheuer sympathisch grinsender Comisario Montalban.

„Setz´ dich, Detektiv“, sagte er und deutete auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch. „Nimm´ einen Schluck Rotwein, es ist ein Rioja Crianza Reserva von 1995, von deiner Lieblings-Bodega.“

Er deutete auf das Rotweinglas und danach, wie ein Oberkellner im Barri Gotic, auf den Teller mit den Tapas.

„Und iss´ ´ne Kleinigkeit, es sind die besten Tapas von ganz Barcelona. Ach ja, der Johnnie Walker Black Label ist für zu Hause, ich wollte, dass Du aufrecht unsere kleine Herberge verlässt.“

Er grinste und freute sich diebisch über seinen gelungenen Auftritt.

Ich schwieg, ich war perplex, und vor allem wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Sollte ich mich auf ihn stürzen, oder sollte ich ihn umarmen und herzen?

„Du bist frei“, sagte Montalban endlich, so als hätte er erst jetzt meine Begriffsstutzigkeit bemerkt. „Und streng genommen, Detektiv, warst du immer frei. Los, setz´ dich, ich erklär´s dir.“

Ich setzte mich und steckte mir einen Bissen Tortilla in den Mund. Der Kommissar hatte Recht: Sie war phantastisch.

 

Montalban stand auf. Ging ein  paar Schritte zum Fenster, blieb stehen, mit dem Gesicht zur Strasse. Seine Hände verschränkte er hinterm Rücken, schaute auf den Verkehr unter ihm. Wie in einem schlechten Film, dachte ich. Wer etwas beichten will, stellt sich ans Fenster und zeigt seinem Gesprächspartner den Rücken. Welcher Regisseur hatte als erster diese Idee?

Montalban hüstelte, dann sprach er, langsam und als würde er um jedes Wort ringen. Oder tat er nur so? War auch das nur eine innere Regieanweisung? Ich würde ihn  nie ganz verstehen, diesen stoischen, dicken Mann, dessen Haltung mir gegenüber irgendwo zwischen Fürsorglichkeit und Abweisung wechselte. Als würde sein wahres Ich auf einer ganz anderen Schiene laufen. Er wirkte erstaunlich frei für einen Kommissar und Beamten. Aber  welchen Herren diente er wirklich?

„Um es kurz zu machen“, sagte Montalban und drehte sich wieder zu mir, „deine Verhaftung in diesem Stadion, dessen Namen ich aus dir bekannten Gründen nicht nennen möchte, war nicht echt. Sie war eine Finte von mir, um Saramango und seine Leute in Sicherheit zu wiegen.“

Ich lachte. Nicht wegen der Information, die ich inzwischen erwartet hatte, sondern wegen des Spruches mit dem Stadion: Montalban war glühender Anhänger des FC Barcelona, und er hasste alles, was mit Real Madrid zu tun hatte. Zumindest hier war er echt und unverwechselbar.

„Ich weiß, dass du an mir und meiner Haltung gezweifelt hast.“

Er schaute mir jetzt gerade und – soweit das bei seinen buschigen Brauen und schweren Augensäcken möglich war – offen in die Augen. Er schwitzte, und hinter jedem seiner Worte hörte ich das Ächzen seines überforderten Körpers.

„Und ich gebe zu“, fuhr er fort, „dass du sogar zu Recht gezweifelt hast. Ich hatte tatsächlich eine Zeit lang die Geschichte mit Vicente und Saramango abwürgen wollen. Zum einen dachte ich, sollen die Gangster sich doch gegenseitig umbringen, zum anderen hatte ich wirklich Angst vor der politischen Dimension des Falls.“

Montalban hob die Schultern und die fleischigen Arme und ließ sie abrupt wieder fallen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn das Zimmer gebebt hätte, bei den Massen, die er mit dieser Bewegung mobilisiert hatte. Und so ganz falsch lag ich nicht mit meinem Gedanken, denn die mächtige Geste überrumpelte ihn selbst: Montalban sackte in seinen Vernehmungsstuhl.

„Du weißt, Detektiv, dass ich kurz vor meiner Pensionierung stehe. Ich habe dreieinhalb Jahrzehnte gegen das Verbrechen gekämpft, und ich war unter Franco der einzige Polizist Spaniens, der einen Guardia Civil-Mörder hinter Schloss und Riegel brachte. Ich war mutig und durch nichts zu korrumpieren. Das ist anders heute, das gebe ich zu. Ich habe noch knapp 400 Tage als Comisario in dieser Stadt. Ich will in dieser kurzen Zeit nicht ein zweites Mal zum Staatsfeind werden.“

Ich beugte mich vor und griff mir die Flasche Johnnie Walker Black Label, die mir der Kommissar geschenkt hatte. Bezahlt – da war ich mir sicher – von seinem Geld. Er war müde geworden, und er wollte nicht mehr die ganz großen Kämpfe kämpfen, aber er war nicht der Typ, der sich aus der Staatskasse bediente.

Ich öffnete die Flasche und fragte nach Gläsern.

„Steh´ du auf, da drüben im Rollschrank müssten welche stehen.“

Montalban wirkte alt jetzt, und er tat mir Leid. Ich holte die Gläser, schenkte sie voll und reichte ihm seines.

„Stop“, hörte ich plötzlich seine Stimme, und sie klang anders, so wie früher.

„Stop, Detektiv“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen, „ich brauche dein Mitleid nicht. Ich brauche dein Verstehen – und deine Tatkraft.“

Montalban trank und erzählte. Draußen wurde es dunkel, und der Lärm der jungen Spanier, die mit ihren Motorrollern, Bikes und Cabrios unterwegs waren, schwoll zu uns hoch. Die Luft im Vernehmungszimmer war schlecht. Was Montalban sagte, war gut. Er hatte irgendwann nachgedacht über den Fall Vicente. Er hatte Informationen über Saramango gesammelt und festgestellt, dass man Typen wie ihn nicht laufen lassen durfte. Er hatte Luisa und ihre Gang beschatten lassen und mit Erstaunen registriert, dass es gute Kids waren, junge Menschen, die am Rande der Legalität lebten, aber in diesem Fall nur Gerechtigkeit wollten. Irgendwann hatte Montalban gemerkt, dass das Kaninchen und der Rioja, die Crema Catalana und der Johnnie Walker nach seiner Pensionierung nicht so gut schmecken würden, wenn er in diesem Fall gekniffen hätte. Er musste noch einmal kämpfen, und wenn es sein größter Kampf werden sollte, gegen einen Paten im Maßanzug, der vom Staat protegiert wird. Montalban war bereit ...

Aber hatte er einen Plan? Ich wusste es nicht, als ich das Vernehmungszimmer und das Polizeipräsidium in Barcelona verließ. Ich wusste nur, dass Montalban noch immer einer meiner liebsten Menschen war: warmherzig, humorvoll und genusssüchtig. Und einer, der mich mochte, der besorgt war um mich.

Er hatte mich mit dem Ratschlag entlassen, mich nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen und nicht meine Detektei zu betreten.

„Saramangos Leute sind nicht blöd“, hatte er gesagt. „Sie werden kontrollieren, ob du tatsächlich im Knast sitzt oder frei herum läufst. Verkriech´ dich für ein paar Tage und ruf´ mich dann irgendwann abends in meinem Büro an, um exakt 22 Uhr, von diesem Handy hier. Dann sehen wir weiter. Und pass auf Dich auf, Detektiv.“

Er überreichte mir ein Mobiltelefon, in dessen Display die Fahne Kataloniens wehte.

 

Ich folgte Montalbans Rat und machte mich unsichtbar. Es fiel mir nicht schwer. Ich schlüpfte in die Identität eines deutschen Spanien-Touristen und nahm mir ein Zimmer in einem Zwei-Sterne-Hotel, dem Hostal Benidorm direkt auf der Rambla. Montalban hatte mir einen deutschen Pass auf den Namen Ulrich Hahn gegeben, der beim Einchecken allerdings für etwas zu viel Aufmerksamkeit sorgte:

„Ulrich Hahn?“, fragte der Mann an der Rezeption. „Sind Sie verwandt mit Ulrich Stielike, dem Deutschen, der bei diesem furchtbaren Verein gespielt hat?“

Auch er vermied es, das Wort Real Madrid in den Mund zu nehmen. Aber ansonsten war es wie immer: Egal, was das Thema gerade war, man landete stets bei den einzig gültigen Inhalten Barcelonas: dem Fußball und der Feindschaft zur Hauptstadt.

„Nein“, sagte ich, „ich bin nur mit meiner Mutter verwandt.“

Das genügte, um die Konversation abzubrechen und mich rasch aufs Zimmer verdrücken zu können. Ich brauchte nach zwei Tagen in Montalbans Knast dringend ein Bad und etwas Ruhe.

 

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Santa Coloma, um nach Luisa und ihrer Gang zu suchen. Ich hätte mit der L1 direkt von der Metrostation Catalunya durchfahren können, aber sicherheitshalber fuhr ich auf Umwegen. You never know..

Ich nahm die grüne Linie bis Espanya, stieg dort aus und ging zu Fuß hoch nach Sants Estacio. An der Placa dels Paisos Catalans stellte ich in einem Kaufhaus mein neues Outfit zusammen, einschließlich einer Echthaar-Perücke, die mich endgültig zu einem anderen Menschen werden ließ. Nicht einmal Natascha hätte mich jetzt erkannt, ich fühlte mich sicher vor Saramangos Leuten. Und ich merkte: Es war mehr als eine Vorsichtsmaßnahme. Irgendwas sagte mir, dass Saramango der Finte Montalbans nicht auf den Leim gegangen war. Er hielt es zumindest für möglich, dass ich frei war – und ihm weiter Schwierigkeiten machen würde. In Sants Estacio stieg ich wieder in die Metro und fuhr mit der L5 bis Sagrera, wo ich wieder zurück in die rote L1 wechseln wollte.

 

KAPITEL 13: ALLES UTER KONTROLLE?

Kurz vor der Station Diagonal geriet ich in eine Fahrkartenkontrolle. Ich hatte immer wieder in letzter Zeit davon gelesen, dass die Stadt stärker gegen Schwarzfahrer vorgehen wollte, hatte davon selbst aber nichts mitbekommen. Ich fuhr zu selten Metro. Anfangs dachte ich mir also nichts, zückte mein Ticket und hielt es in der Hand.

Als die ersten Lichter Diagonals schon aus der Dunkelheit des Tunnels auftauchten, griff ein junger Mann, der neben mir stand, nach meiner Metrokarte und entriss sie mir. Ich war völlig perplex über diese Attacke und reagierte zu spät: Als ich mir das Ticket zurückholen wollte, steckte es schon im Mund des Mannes, der es genüsslich und grinsend verspeiste. Ich sah seine Schluckbewegung, der Adamsapfel hüpfte angestrengt auf und ab, als die Kontrolleure direkt vor mir standen.

„El billete por favor“, sagte einer der Männer in breitem Hauptstadt-Spanisch. Da wusste ich, dass ich keinem katalanischen Metro-Personal gegenüber stand, sondern Saramangos Männern.

 

Die vermeintlichen Kontrolleure akzeptierten meine Entschuldigung nicht.

„Was sagen Sie? Der Typ da hat Ihr Ticket gegessen? So ´ne blöde Ausrede haben wir schon lange nicht mehr gehört. Die müssen wir weiter erzählen.“

Der Zug hielt in Diagonal, und die beiden zerrten mich auf den Bahnsteig.

„Wem wollen Sie die denn weiter erzählen?“, fragte ich. „Ihrem Chef Saramango?“

Ich spürte, wie die beiden reagierten, und diesen Moment nutzte ich. Ich riss mich los und rannte in Richtung der nächsten sichtbaren Treppe. Die beiden hinterher, brüllend. Vor einem riesigen Plakat mit Werbung gegen das Schwarzfahren  warf sich mir ein Metro-Arbeiter in den Weg, der seinen vermeintlichen Kollegen zu Hilfe kommen wollte. Ich schlug ihn nieder und rannte die Stufen hoch in Richtung Passeig de Gracia. Ich schätzte, ich hatte einen Vorsprung von 30, 40 Metern. Und ich lief die Viertelmeile noch immer unter einer Minute.

 

Der Passeig de Gracia war voller Menschen. Die meisten Touristen. Viele Japaner mit Fotoapparaten und ihren immer erstaunt klingenden hellen Stimmen. Sie folgten den Spuren des berühmten Architekten Gaudi, der hier – nicht weit von seiner Sagrada Familia – mehrere Wohnhäuser entworfen hatte. Phantastische Bauten mit an- und abschwellenden Wellenlinien und einem Dach, das an die Rückenpartie eines riesigen Sauriers erinnert. Häuser voller Vitalität und Sinnlichkeit, aber kein Hundertwasser-Kitsch mit Türmchen und Farben wie in einer Kinder-Hüpfburg.

Ich liebte Gaudi und seine Bauten, und ich kannte sie in- und auswendig. Aber in diesem Moment, wo die Saramango-Schergen aus der Metrostation rannten und „Haltet den Dieb!“ schrieen, als wäre ich der Gangster und sie die legitimen Verfolger – in diesem Moment interessierte mich Gaudi einen Dreck. Alles, was mich wirklich interessierte, war mein Leben. Und zwar das der nächsten zehn Minuten.

 

KAPITEL 14: FLUCHT UND WIEDERSEHEN.

An der Nummer 43, einem besonders spektakulären Gaudi-Bau, rannte ich nicht vorbei. Die Tür zum Haus stand offen. Ich drückte mich an einer Gruppe fotografierender Touristen vorbei und ging ins Haus. Von drinnen aktivierte ich den Türschnapper und schloss die Tür. Sofort herrschte Ruhe.

Ich lehnte mich an die Wand gegenüber den Briefkästen und atmete durch. Draußen kam Unruhe in die Gruppe, und ich brauchte kein zweites Mal hinzusehen, um zu erkennen, wer sie verursachte. Die Saramango-Schergen fragten die Fremden, ob hier eben jemand ins Haus gegangen sei. Als ich die ersten nicken sah, rannte ich in Richtung des Hinterausgangs. Von vielen Besuchen in den Gaudi-Häusern kannte ich mich exzellent aus, und ich wusste, dass es einen Trampelpfad durch den begrünten Innenhof gab, der auf der anderen Seite in ein Café auf der Rambla de Catalunya führte. 

Das Café erreichte ich durch die Hintertür. Ich dachte, das war´s, ich fühlte mich entkommen und sicher. Aber es kam anders, und ich weiß bis heute nicht, wie. Es zeigte mir nur, wie groß die Macht Saramangos war – und wie groß sein Wille, mich zur Strecke zu bringen. Jetzt war ich sein Hauptfeind. Ehre, wem Ehre gebührt, dachte ich. Aber ich dachte es nicht wirklich, ich glaube, ich dachte an mein Ende. Ein Hüne stand vor mir und grinste mich an und sagte in einem furchtbaren katalanisch.

„Schlaues Kerlchen, aber nicht schlau genug für mich.“

 

Ansonsten war das Café leer. Nur der Wirt stand hinterm Tresen und trocknete Sherry-Gläser mit einem Handtuch ab. Ich vermutete, dass er genau zu dieser Arbeit gezwungen wurde. Vielleicht hockte auch – für mich unsichtbar – irgendein zweiter Saramango-Mann im Lokal und hielt seine Wumme auf ihn. Ich wusste es nicht, und ich konnte auch nicht zu lange darüber nachdenken. Der Riese kam auf mich zu. Mit aufreizender Lässigkeit machte er sein Jackett auf, unter dem ein Schulterhalfter sichtbar wurde.

„Ich habe eine Botschaft für Ihren Chef“, sagte ich blitzschnell, „deren Boten Sie besser nicht töten sollten.“

Der Dicke hielt kurz inne, und ich merkte, wie er angestrengt nachdachte. Ich hätte den Satz einfacher formulieren sollen.

„Okay“, fuhr ich fort, „ich weiß, wo Luisa steckt.“

Die „Luisa-Karte“ spielte ich auf gut Glück.

Natürlich wusste ich nicht, wo sie war, auch wenn ich sie wahrscheinlich leichter finden konnte als Saramango und seine Leute. Und ebenso wenig hatte ich vor, sie zu verraten. Ich wollte einfach nur Zeit gewinnen, und das tat ich traditionell mit Worten. Dabei hoffte ich, dass sie Luisa nicht längst schon gefunden hatten.

Die Antwort des Riesen würde über alles entscheiden.

Aber dazu kam es nicht, und ich muss ehrlich sagen, dass ich´s nicht einmal bedauerte. Der Hartgummiknüppel, den der Wirt dem Dicken über den glatt rasierten Schädel zog, war mehr hart als Gummi. Was man von dem Saramango-Mann nicht behaupten konnte. Er sackte und sank wie der Rotz eines Asthmakranken zu Boden, und seine Stirn bohrte sich in die stählerne Ecke des Zigarettenautomaten. Das Blut floss sofort, und aus dem äußersten Schacht des Automaten ploppte eine Fortuna-Filter-Schachtel nach der anderen.

Ich nahm mir eine, öffnete sie und ging zum Wirt, der noch immer den schwarzen Totschläger umklammert hielt.

„Meine Zigarettenmarke“, sagte er und schnorrte sich eine Fortuna.

„Meine Scotchmarke“, antwortete ich und zeigte auf eine Flasche Johnnie Walker im Regal hinter dem Tresen.

 

Nachwort

Sorry. Das „Ende“ ist abrupt. Aber es war damals auch kein Ende. Die täglichen Stories dieses Plots gingen weiter. Aber ich habe irgendwann aufgehört, sie nachträglich zusammen zu fassen – ich schrieb immerhin fast 3.000 Stück! Na ja, wenigstens zum Schluss noch mal ein starkes Branding. Hasta la vista und für alle Scotch-Fans: slàinte mhath!

 

Thilo v. Heydekampf

0173 – 2345672 / heydekampf@brandsup.de