Vorwort

Inspiriert von guten Bars und Drinks, Gesprächen mit Barkeepern und einer Menge amerikanischer Short-Stories im Hinterkopf begann ich 2012, Bar-Stories und -Essays zu schreiben. Bis heute sind es sechs Stück. Keine Ahnung, wohin das führen kann: vielleicht zu einem neuartigen Bar-Buch, in dem sich die Rezepte eines kreativen Barkeepers und meine Stories gegenseitig pushen (die Story zum Drinkrezept) oder zu einem Marketing-Instrument für eine coole Hotelkette und ihre trinkenden Gäste. Schauen wir mal: Wer mir beim nächsten Schritt helfen oder der nächste Schritt sein möchte, ist herzlich willkommen.

 

Inhalt

Professionelle Freundlichkeit                                                            

Männer                                                                                               

Louisa                                                                                                 

Mein Vater                                                                                          

Der letzte Drink

Der amerikanische Soldat 

Professionelle Freundlichkeit

Die Bar ist klein. Ich kann sie beim Hereinkommen sofort übersehen.

Zack. Da ist es wieder: Schon der zweite Satz ist falsch. Ich kann sie nicht übersehen. Man kann eine Frau übersehen (absichtlich). Eine Ampel (unabsichtlich, vielleicht auch umgekehrt). Aber keine Bar. Ich nicht.

Die Bar ist so klein, dass ich sie schon beim Hereinkommen komplett übersehen kann.

Besser?

Ich setze mich auf den ersten freien Barhocker. „Passt schon“, sagt der Mann rechts von mir, und da erst merke ich, dass ich das „Besser?“ laut gesagt habe. Er und ich sind die einzigen Gäste, es ist früh, noch vor der Blue Hour. Der Tresen ist keine drei Meter lang, fünf, höchstens sechs Barhocker. Zwischen ihnen und der rückwärtigen, lederbezogenen Wand ein schmaler Gang für die zweite, stehende Trinkerreihe. Am Kopfende der Bar drei kleine Tische, umgeben von einer umlaufenden Bank. Auch aus schwerem, whisky-roten Leder. Ein Fenster, durch das man die vorfahrenden Taxis und den livrierten Hotelpagen sieht. Es regnet.

Danke, antworte ich, dabei sitze ich noch gar nicht richtig, ich muss mich auf jeden verdammten Barhocker quälen, ich muss ihn mir erarbeiten wie einen Berg.

Ich bin ausgehöhlt, denke ich wieder. Leer. Und weiter oder parallel denke ich: Es war alles so gut, als es noch gut war mit ihr. Und dann denke ich sofort danach, oder in einem Loop über dem ersten und dem zweiten Gedanken: Was für ein Kitsch. Wie kannst Du nur so einen Satz denken? Außerdem ist es aus.

„Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?“

Der Barkeeper, den ich erst jetzt wahrnehme (ich hebe meinen Kopf und unsere Blicke treffen sich), schaut mich an. Freundlich. Er schweigt, seine Augen sagen:

Ich kann jetzt für Sie da sein, aber nur, wenn Sie es schon wünschen. Wenn nicht, kann ich mich weiter dem Trocknen dieses Tumblers widmen, der im Gläsertuch in meiner rechten Hand ruht. Ich kann danach noch einmal nach Ihnen schauen, auf ein kleines Zeichen warten, und dann, wenn dieses Zeichen noch immer nicht kommt, kann ich mich umdrehen zum Edelstahl-Behälter, in dem die Maccademia- und Cashew-Nüsse auf Temperatur gehalten werden, kann mit einem Löffel eine Handvoll dieser Nüsse nehmen und sie in einer silbernen Schale vor Sie auf den Tresen stellen. Nicht um Sie zu drängen, einen Drink zu ordern, sondern um die Zeit, die nur Ihnen gehört, zu strukturieren. Ihnen Halt zu geben – und mehr Zeit, von der nur Sie bestimmen, wie mit ihr zu verfahren sei.

Ich mag professionelle Freundlichkeit. Und ich finde, dass in ihr vor allem die Wärme von Freundlichkeit steckt – und nur ganz leicht, wie der Glasrand, der mit einem Zitronenschnitz gewischt wird, die Kühle der Professionalität. Es ist keine Freundlichkeit, die von Herzen kommt. Aber die möchte ich auch gar nicht in guten Bars: Die Freundlichkeit, die vom Kopf kommt, reicht mir völlig. Sie passt zur Vernunft und Seriosität dieser Orte, zu ihrer Distinktion und Eleganz. Ein Barkeeper, dem man sein Herz ausschütten kann, ist ein schlechter Barkeeper. Dieser, der in diesem Moment zu mir herüber schaut, ohne irgendetwas von mir zu erwarten, ist ein guter.

„Einen Ten Days, bitte“, sage ich zu ihm. Er nickt und sagt: „Gerne“. Und gibt mir sofort das Gefühl, als bereite er, in diesem einen gemeinsamen Augenblick, einen Ten Days tatsächlich lieber zu als jeden anderen Drink. Und am liebsten wahrscheinlich für mich.

„Wie der Name schon sagt“, wendet er sich, während seine Hände, sein Körper schon mit dem ersten Vorbereiten beginnen, noch einmal zu mir, fast nur mit seinem Gesicht, seinen Augen, seinem Mund: „Wie der Name schon sagt, ich bevorzuge einen Tanqueray Ten für diesen Drink. Er schultert am besten die Süße der Marmelade und ist ein guter Halt für den leicht bitteren Stangensellerie.“

„Sehr gut“, sage ich und spüre sofort eine neue Präsenz in mir. Ja, hier bin ich. Eben angekommen. Es geht mir nicht gut, es geht mir schon eine Weile nicht gut. Aber das zählt jetzt nicht, ich bin hier und trinke und sitze an der Bar, und mir gegenüber ist ein Mann, der seinen Job macht, professionell und freundlich, sein Wissen korrespondiert in einem kurzen Moment, wie zwei sich treffende Koordinaten, mit meinem, und dass ich einen Ten Days bestelle, gefällt ihm als Barkeeper, als Profi, und dass es ihm gefällt, stärkt mich und macht mich zu einem Gegenüber, und dass ich überhaupt mal wieder spüre, dass ich ein Gegenüber bin, tut gut.

„Passt schon“, sagt mein Nachbar zur Rechten. Und lacht, aber eher für sich. Auch das gefällt mir. Wir sind Männer, die natürlich verlassen werden oder verlassen wurden, aber die Zeit, wo man sich aus der Zeit gefallen fühlt, dauert nicht ewig. Zehn Tage, wenn alles gut läuft.

für Niko Pavlidis, Barkeeper im Taschenbergpalais Dresden

Männer

Wir waren zu fünft. Männer zwischen 40 und 50. Meine Mutter würde sagen: bestes Alter. Na ja.

Ich habe, seit ich das beste Alter erreicht habe, eine Abneigung gegen Männergruppen im öffentlichen Raum. Vor allem, wenn ich selbst Teil der Gruppe bin. Und Männercliquen in Bars, zusammen geklumpt, ohne Frauen: beim besten Willen – nein!

Geht Bar ohne Frauen? Bar jeder Frauen?

Es gibt Orte, die sind ohne Frauen unschlagbar. Aber dies sind Orte, an denen das Kameradschaftliche, das Kumpelhafte, das Männerbündische nicht nur passieren kann, sondern Sinn und Absicht ist. Beispielhaft: die Fußballkneipe. Großartig: der Rand eines Fußballplatzes. Am besten: der Rand eines Fußballplatzes, auf dem höchstens 5. Liga gespielt wird.

Als ich am Stadtrand wohnte, nahm ich mir manchmal Sonntagmittags, wenn meine Familie noch schlief oder meine Frau und meine Tochter das Mittagsmärchen im Ersten sahen, mein Fahrrad und fuhr die paar hundert Meter zum Sportplatz. Das Rad schloss ich nicht an, am Eingang zahlte ich einen Fünfer, nahm mir ein Bier und eine Wurst und schlenderte dorthin, wo gute Sicht und gute Sonne exakt zur Deckung kamen. (So bin ich strukturiert: Es gibt immer und überall den einen perfekten Platz. Im Stadion, im Restaurant. Ganz extrem in einer Bar. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich oft Minuten oder auch mal eine Halbzeit lang, um mich anzufreunden mit dem zweitbesten Platz. Darunter geht gar nichts, dann gehe ich.)

Ich nahm einmal meine Frau mit in dieses kleine Stadion ohne Tribüne und nur an der Längsgeraden unter dem alten Klubheim mit einem niedrigen Zaun, auf den man sich lehnen und sein Bier schaukeln kann. Auch das war schön, aber es war nicht zwingend. Diese Vorstadt-Arenen, die so wunderbar aus der Zeit gefallen sind, funktionieren besser ohne Frauen.  

Eine Bar ohne Frauen funktioniert nicht. Und eine reine Männergruppe, also alles ab zwei Männer aufwärts, die eine Bar betritt, bringt sofort dieses Nicht-Funktionieren in Gang. Sofort wird es gefühlt laut und distanzlos, wie bei einer Horde, die einen in sich stimmigen Raum nicht einfach betritt, sondern besetzt – ganz gleich, in welche Richtung die Magnetnadel der Gruppe tatsächlich zeigt und wie ihre einzelnen Mitglieder empfinden. Es herrscht das Setting des Überfalls.

Die Businessmen

Die Businessmen – am schlimmsten, wenn sie von einem Kongress im selben Haus kommen – verwandeln jede Hotelbar innerhalb von Sekunden in einen schwitzigen, bemüht lockeren, in Wahrheit furchtbar angestrengten After-Work-Club. Man kann die abgestandene Luft ihrer Meeting-Räume riechen und die winzigen, flirrenden Staubpartikel zwischen Beamer und Leinwand ahnen, die sie an ihren schlecht sitzenden Anzügen und ihren geröteten Gesichtern mitgebracht haben, diese ganze öde Geschäftigkeit ihrer Powerpoint-Charts, deren Säulen sich wie Nebel über die reine Ordnung der Flaschen hinter dem Tresen legen. 

Ich bin ein Taliban der Bars. Ich wünsche mir einen Extra-Kellner, der von Zeit zu Zeit diskret mit einem weichen Tuch über den Tresen streift, dessen eigentliche Aufgabe aber darin besteht, mit einem leichten Heben der rechten Augenbraue Gäste hinaus zu komplimentieren, die zu laut sind, zu anzüglich, zu einfach, zu dumm oder – ein ganz wichtiger Aspekt – die falschen Drinks bestellen oder sich nicht mal bemühen, die richtigen kennenzulernen.

Ich erhielt in einer meiner Lieblingsbars den Anruf eines Freundes, der sehr humorvoll ist, aber auch sehr laut. In einer Doppelung seiner offensiven Fröhlichkeit erhob auch ich beim Sprechen mit jedem neuen Satz die Stimme und dominierte damit – auch für mich völlig unvermittelt – die innere Verfasstheit der Bar und ihrer Gäste. Bis der Barkeeper mich darauf hinwies und ich eiligst ins Hotelfoyer wechselte. Ich hatte noch Tage lang ein schlechtes Gewissen: Bargesetze sind ungeschriebene, heilige Schriften.

Die „Jungens“

Eine andere Gruppe sind die Freunde, die privat, „einfach so“, eine Bar besuchen. Zur Feier ihrer Freundschaft, ihrer Männerfreundschaft. Je älter sie sind, umso eher haben sie im Vorfeld in ihren Mails und SMS-Botschaften einander als „Jungens“ bezeichnet. Natürlich selbstironisch, Selbstironie ist ihr wichtigstes stilistisches Kommunikationsmittel. Alle sind verheiratet und haben Familie. Manche von ihnen sind nur hier, weil auch ihre Frauen etwas anderes vorhaben, sich mit Freundinnen treffen.

So eine Gruppe waren wir. Die Bar war elegant, fensterlos und schwarz. Ihre Tapete hatte ornamentale, schwarze Strukturen auf seidig glänzendem, silbernen Grund, sehr schick und natürlich selbstironisch. Alles passte. Und auch wir passten. Dennoch hatte ich sofort dieses Gefühl, Teil einer zu großen Gruppe zu sein. Ein männliches Herdentier, kein männlicher Wolf.

Natürlich ist das ein klassisches, altmodisches Bar- und Selbstbild, das ich da in mir trage. Vielleicht sogar ein Klischee. Es ist mir egal. Ich bin geprägt von Raymond Chandler und seinem Private Eye Philip Marlowe. Wenn der in Bars saß, dann alleine, mit einem einzelnen Informanten oder einer betörenden Frau, die in Niveau, Sexappeal und Geheimnis nie weniger als Rita Hayworth war.

Nur so darf ein Mann eine Bar betreten. Das scheint Teil meines Bar-Gencodes zu sein. Die Bar als Ort, an dem ein Mann seine literarisch oder cineastisch geprägten Träume lebt. Wo Coolness tatsächlich ein Stilmittel ist, das vom ersten bis zum letzten Augenblick passt. Auch weil die Bar einer der letzten Orte ist, in denen der Dienstleister seine Dienstleistung mit einem legitimen Anspruch an seine Gäste verbindet. Eine Haltung einfordert. Nie, außer in extremen Fällen, würde ein Barkeeper diesen Anspruch formulieren, aber in seinen Bewegungen, Gesten, seinem Fachwissen und der Verfasstheit seiner Bar zeigt er diesen Anspruch sublim und verführt damit seine Gäste ihrerseits zu einem sublimen Auftritt. Zu Benehmen.

Die Kerle

Die schlimmste Männergruppe sind die Kerle, die einen wettbewerblichen Erfolg feiern – sportlich, beruflich, sexuell. Sie wollen Luft aus ihren von Stress und Anspannung und Der-Beste-Sein zusammengepressten Leibern lassen, sich gehen lassen und Spaß haben. Aus Gründen, die sie selbst nicht kennen (wahrscheinlich, weil ihnen die viel geeignetere Kneipe als zu billig für ihren Anlass gilt), halten sie eine exquisite Bar für den passenden Ort. Dabei ist eine Bar für nichts weniger geeignet als für Spaß. Der einzig legitime Spaß in einer Bar muss immer ein Stück sophisticated sein, er muss – wenn auch spielerisch – erarbeitet werden. Die ideale Bar verträgt kein Schulter- und Schenkelklopfen, kein High-Five und keine lärmende Selbstbestätigung. Der Spaß, den eine Bar vermittelt oder für den sie die passende Folie ist, siedelt zwischen den Zeilen, zwischen den Drinks und zwischen den Menschen. Sie ist ein Spielplatz, aber ein Spielplatz der Intelligenz, auf dem es gilt, die Regeln des Spiels zu kennen und zu schätzen.

Das klingt nicht nur restriktiv. Das ist restriktiv. Aber genau so entsteht Stil. Stil setzt Grenzen, in denen man sich verhalten soll – und verhalten kann. Wo also Zwang und Freiheit eins sind. Dabei ist die Grundlage des „Bar-Stils“ nicht einfach behauptet, sie kommt ganz faktisch aus der Stringenz, die jeder guten Bar innewohnt: aus der Klarheit und Begrenztheit ihrer Karte, der Ernsthaftigkeit und Tradition ihres Interieurs, der Kenntnis des Barkeepers und seiner Position in der gastronomischen Hierarchie, der fast wissenschaftlichen Akkuratesse seiner Arbeit, der Ritualisierung ihrer Abläufe, der fast pedantischen Vielfalt und Ordnung  der Gläser und Bestecke, der Überhöhung der Präsentation (in vielen Bars stehen die Flaschen wie Monstranzen auf einem Altar, und Drink plus Nüsse erinnern nicht umsonst an Wein und Hostie des Abendmahls).

So ein Ort ist kein Ort für Themen, die in Männergruppen – wie gesagt: vor allem denen im besten Alter – so oft den Ton bestimmen: Stories von Erfolgen, Präsentationen des immer noch nicht gebrochenen Egos, last man standing und all das, was diesseits des grauen, schweren Weltvorhangs liegt und die Erschöpfung der Männer in Statements von scheinbarer Macht verwandelt. Ewige Fragen, wer den größten hat.

Das Größte aber ist, wenn ich eine Bar betrete, längst terminiert: eine alkoholische Kontemplation, die den Firniss der Wirklichkeit zerreißt und mich durch diesen Riss in einen Zustand von nur hier erlebbarer vernunftgesteuerter Ekstase befördert.

Wie bei allen Kontemplationen sollte die Schar der Getreuen, die mich begleitet, gut ausgewählt und überschaubar sein. Und jetzt zu den Drinks.

 

 

Louisa

Als sich Louisa auf die niedrige Längsbank am Ende der Hotelbar setzte, spürte sie mit einer sehr kurzen, aber heftigen Intensität das kühle, weiche Leder auf der Rückseite ihrer nackten Oberschenkel und, etwas schwächer durch ihr dünnes Diane von Fürstenberg-Kleid, auf ihrem Po. Dann sah sie neben sich ein braunes Moleskine-Notizbuch im Oktavformat und einen kalten, wie einen eben erschlafften Schwanz gekrümmten Asche-Strunk.

Ihr erster Impuls war, den Barkeeper zu rufen, ihr zweiter, sich diskret, vielleicht mit einem indignierten Blick, umzusetzen. Sie schaute sich um. Zwei Paare saßen am Tresen. Dort, wo sie Platz genommen hatte, waren alle Tische noch frei. Niemand beachtete sie, sie war eben erst hereingekommen, und der Barkeeper würde sicher noch eine Minute warten, ehe er mit der Karte und einem Feuerzeug käme, um die Kerze auf ihrem Tisch anzuzünden.

Louisas dritter Impuls war ein anderer. Sie erhob sich, ging mit geschlossenen Knien und aufgerichtetem Oberkörper in die Hocke, blies mit zwei, drei Atemzügen (die, falls jetzt doch einer der anderen Gäste guckte, angewidert wirken sollten) die immer noch erstaunlich stabile Zigarettenasche von der Lederbank und setzte sich wieder. Dann nahm sie fast beiläufig das Notizbuch, legte es in ihren Schoß, bedeckte es mit ihren Händen, deren linke die ganze Zeit eine Clutch-Handtasche umfasste, und wartete auf den Kellner.

Nach dem ersten Schluck ihres Cocktails, der ihr in seiner überraschenden Körperlichkeit (ähnlich der Lederbank, auf der sie saß) fast so obszön vorkam wie der Wunsch, in das unbekannte Notizbuch zu schauen, also passend, zog Louisa ihr kurzes Kleid mit beiden Händen an der Oberseite des Saums zu ihren Knien, als gäbe sie sich rechtzeitig, bevor sie das Gummiband vom Moleskine lösen und das fremde Buch aufschlagen würde, einen Anschein von Anständigkeit.

Dabei war sie nicht anständig, nicht in diesem Sinn. Den Samen ihres Mannes, der vor einer Stunde das Hotel verlassen hatte, spürte Louisa noch immer in ihrem Arsch. „Hoffentlich laufe ich nicht aus, wenn ich in der Bar bin“, sagte sie zur Verabschiedung. „Hoffentlich doch“, sagte ihr Mann; er liebte es, Louisa ein Stück weit zu einer öffentlichen Frau zu machen, wenn auch nur als Spiel, als mindgame, an das er sich im bevorstehenden, stundenlangen Meeting erinnern könnte, wenn die Charts ihn langweilen und die ewig gleichen Marketingbegriffe ihn ermüden würden.

 

Die erste Seite des Moleskine war leer, das Formular „In case of loss, please return to...“ war ebenso unausgefüllt wie die Zeile für den Finderlohn. Auch die folgenden Seiten waren ungenutzt, es gab keine persönlichen Daten. Louisa war erleichtert. Einen Namen und Vornamen zu lesen, eine E-Mail-Adresse, einen „family doctor“ und eine „blood group“ zu erfahren, hätte ihre Neugier, die sie wie auch in anderen Situationen ganz spielerisch, unschuldig befriedigen wollte, zu einem Verrat gemacht.

Louisa blätterte weiter. Es war, bis auf die Eingangsseiten, ein Blanko-Notizbuch, weiß, unliniert. Sie öffnete das Heft in der Mitte und ließ die Seiten rückwärts unter ihrem Daumen zurück sirren, bis sie auf die letzte beschriebene Seite stieß. Fast war sie enttäuscht: Höchstens zehn Seiten waren beschrieben, manche nur mit einer kurzen Notiz, kaum eine in Gänze. Sie blätterte zum Start.

„Ich nenne sie G, weil sie die siebte in diesem Jahr wurde.“ Ganz klar: eine Männerhandschrift. Energisch, aber keine Spur angeberisch. Gut zu lesen. Louisa las weiter:

„Ich nahm sie mit von der Bar meines wieder eröffneten Lieblingsclubs. Lange beobachtet, sehr offen, sie muss es durchgehend gemerkt haben. Viele Flirtversuche anderer. Einer schien mir erfolgreich, ich wollte schon gehen. Rauchte draussen eine Zigarette und holte mir im gegenüberliegenden Verlagshaus eine druckfrische Zeitung des neuen Tages. Wieder zurück am Bartresen einen Whisky bestellt, geraucht, dann umgedreht und sofort Augenkontakt, der nicht abreißt.

Sie kommt zu mir, Drink, wenig Worte, das Übliche, meine flüchtigen Berührungen, die keinen Zweifel lassen, dass sie absichtlich sind. Sie lässt sie geschehen. Dann gehen wir, an der Garderobe helfe ich ihr in eine kurze Dolce&Gabbana-Jacke, dunkelrosa mit einem zurückhaltenden Pelzbesatz am Kragen. Sie hat einen außerordentlich guten Po über langen Beinen, sie geht so lasziv wie sie tanzte, natürlich war sie zu schön für die anderen.

Ich bin hässlicher als die anderen, mit einem harten, hageren Gesicht, der Hakennase, dem großen Mund mit den festen Lippen, mit meinem kantigen, langen Körper, den Pianistenfingern, die keine schönen Pianistenfinger sind. Ich weiß, ich bin so jenseits von Attraktivität, dass ich wie ein dunkler, rostiger Anker inmitten der hellen, glatten, nichtssagenden Reklamestrände wirke. Ein Anker, der in die Tiefe ziehen kann. Und je schöner die Frauen sind und je mehr sie das wissen, je bedeutungsloser ihnen die fade Bewunderung der immer gleichen Männerkörper und Männermünder geworden ist, um so neugieriger sind sie, ob sie diese Tiefe und das Gefühl von Gefahr aushalten – ob sie die Gefahr und den Gefährder vielleicht sogar beherrschen. Seit ich dieses Spiel entdeckt habe, seit ich weiß, dass ich es kann, spiele ich nichts anderes. In den Innentaschen meines Jackets sind gefütterte Handschellen und eine Peitsche von Agent Provocateur, sehr elegant, wie die Frauen, die ich mir suche, und ich bin sicher, dass ich sie auch bei G anwenden werde.“

 

Louisa hatte in einem Atemzug gelesen, wenigstens hatte es sich so angefühlt. Sie schaute auf. Hatte jemand gemerkt, was sie las? Wie lange hatte es gedauert, diese kurze Sequenz zu lesen? Wer hatte das geschrieben? Und hatte der Unbekannte das Notizbuch absichtlich liegen lassen? Und zwar genau dort, wo sich, wie er sicher wusste, Louisa hinsetzen würde? Beobachtete er sie in diesem Moment?

Am Bartresen saßen dieselben zwei Paare wie zuvor, der Barkeeper legte eine Rechnung in eine schwarze lederne Mappe und legte sie einem der Männer neben seine Zigaretten. Ansonsten war die Bar leer. Louisa schaute auf ihren Cocktail, aber als sie einen Schluck trinken wollte, merkte sie, dass sie zu sehr zitterte, um das hohe Glas halten zu können. Sie schaute zurück ins Notizbuch und blätterte eine Seite weiter.

„Ist das Ihr Buch?“ Louisa erschrak heftig, der Moleskine fiel ihr aus den Händen, und von ihrem Schoß auf den Boden. Sie wurde rot, zum ersten Mal seit Jahren. Ein Kribbeln stieg ihre Wirbelsäule und ihren Nacken hoch, nein: es raste nach oben, und sie musste den Impuls unterdrücken, sich die Kopfhaut zu kratzen. Wie aus dem Nichts war der Mann erschienen. Sie hatte sich doch eben noch in der Bar umgeschaut, keine Bewegung gespürt, keinen Luftzug, wie konnte er jetzt vor ihr stehen? Keine zwei Meter von ihr entfernt?

Der Mann lächelte; er strahlte eine Aura von Diskretion und Höflichkeit aus, die ihr plötzlich sehr unangenehm war. In seiner linken Hand hielt er ein Hermès-Tuch, es war Louisas. „Ein Zimmermädchen fand es vor Ihrer Zimmertür und brachte es an die Rezeption. Dort sagte man mir, dass sie wahrscheinlich in der Bar zu finden seien.“

Der Mann überreichte ihr das Tuch zusammen mit seiner Visitenkarte, „das ist doch Ihr Tuch, oder?“, fragte er. Auf der Karte standen der Name des Hotels, sein Name und die albernen, zu seiner Servilität passenden Worte „Executive Housekeeper“.

„Ja, danke“, sagte Louisa und stand auf. „Ich muss kurz etwas Luft schnappen“. Sie nahm das Hermés-Tuch, legte es auf die Lederbank und ging, ohne den Finder weiter zu beachten, aus der Bar und dann rechts um die Ecke, die schmale Freitreppe hinunter, durch die Drehtür und am Pagen oder Wagenmeister vorbei auf den Fußweg vor dem Hotelportal. Das braune Notizbuch hatte sie auf dem Boden der Bar liegengelassen.

 

Ihr Blick glitt über die Straße, den gegenüberliegenden Gehsteig, das graue Gitter dort, wo der See begann, und sie sah dieses Gitter mit seinen Details so überdeutlich, mit seinen stilisierten dorischen Säulchen alle paar Meter, als wäre der eigentliche Sinn ihres Hier-Seins, diesen grauen Zaun zu studieren. Dann spürte sie, dass sie nicht allein war.

Rechts von ihr, ein wenig in ihrem Rücken, an der Seite des Hotelportals stand der Besitzer des Moleskine. Sie erkannte ihn sofort. Seine Größe, die kantigen Gesichtszüge, die viel zu weit und knochig herausstehenden Jochbeine, die Adlernase, die seltsam großen Hände. Sein ruhiger Blick (so ruhig kann ein Blick sein? dachte Louisa) durchstießen ihre Iris und setzen sich irgendwo an der Rückseite ihres Kopfes fest, wie eingebrannt. Wieder dieses heftige Kribbeln in der Wirbelsäule.

Er rauchte, mit einem langen, ruhigen und zugleich drängenden Zug. Als forderte er auch der Zigarette alles ab. Die graue Asche klebte lang und fest an der Kippe, der Schwerkraft folgend leicht nach unten gekrümmt, aber nicht fallend, wie ein eben erschlaffter, aber noch kräftiger Schwanz.

Er stand ganz leicht an die Mauer gelehnt, von der er sich jetzt abstieß, so als wollte oder müsste er nicht bewussten Schrittes zu ihr gehen, sondern nur diesen Impuls des Abstoßens zulassen, um zu ihr zu gelangen. Wie auf Schienen, die unausweichlich zu einem Ziel führen. Oder war sie es, die ihn anzog?

Als er bei ihr war, fasste er sie sofort an. Er stand halb seitlich neben ihr, halb hinter ihr. Seine linke Hand berührte ihren Po durch ihr Diane von Fürstenberg-Kleid, das ihr noch nie so dünn, so schutzlos, so nackt vorgekommen war. Seine Hand fühlte sich gut an, noch nie war Louisa so angefasst worden. Er fuhr kurz den Stoff ihres Strings entlang, um den Grad ihrer Nacktheit zu prüfen, und vielleicht mit einem in vielen Begegnungen mit anderen Frauen ermittelten Grad ihrer sexuellen Bereitschaft in Korrelation zu setzen. Dann strich seine Hand wieder über ihre Pobacken, fest, tastend, ernst, entschieden, aber immer prüfend.

Louisa wusste, was er suchte; und an seinem steifen Schwanz, der sich durch seine Anzughose und ihr dünnes Kleid drückte, merkte sie, dass er es gefunden hatte: die Stellen ihrer Arschbacken, die er als erste peitschen würde. Louisa spürte den Anker, der wie durch Sand in ihr Bewusstsein glitt und sie in die Tiefe zog. Sie begann, unter den Meeresgrund zu sinken. Er hatte sie die ganze Zeit beobachtet.

 

Mein Vater

„Hier saßen wir, mein Vater genau da, wo Sie jetzt sitzen.“ Paul Larssen machte eine Pause, und ich merkte, dass in seinem Kopf die Szene vom 23. Mai 2007 erneut begann. Ich ließ ihn seinen Film sehen und nippte an meinem Drink.

Wir saßen am Tisch direkt am Fenster. Die Bar war klassische Moderne, sehr langer, schnurgerader Tresen, nur eine kurze 90-Grad-Ecke im Eingangsbereich, vor der zwei weitere Barhocker standen. Im Raum verteilt ein knappes Dutzend niedriger Tische mit Lederbänken und den quadratischen Lounge Chairs von LeCorbusier. Alle Winkel der Bar waren rechte Winkel. Die Barkeeper trugen weiße Hemden und schwarze Krawatten, die zwischen dem zweiten und dritten Knopf ins Hemd gesteckt waren. Einer von ihnen trug eine oben offene Basecap, deren Schirm golden und durchsichtig wie eine Skibrille war. Es waren drei Barkeeper, die den Abend vorbereiteten. Sie sprachen ebenso leise wie wir.

„Wir waren zur gleichen Uhrzeit hier wie Sie und ich heute“, fuhr Larssen fort. „Immer um diese Zeit. Und wir saßen an diesem Tisch. Wissen Sie, ich habe meinen Vater sehr gemocht, auch wenn er meine Mutter schon früh verlassen hat. Wir sahen uns nicht oft, aber als ich größer wurde, nahm er mich gerne in diese Bar mit. Ich habe Ihnen ja schon erzählt, dass der Besitzer und mein Vater Freunde sind.“ Er schaute hoch. „Freunde waren.“

„Ja, ich weiß, ich habe mit Lippert gesprochen. Er hat Ihren Vater sehr gemocht.“

„Klar, sonst hätte er das nie erlaubt, dass mein Papa hier mit einem Zwölfjährigen auftaucht. Obwohl wir immer um Punkt 18 Uhr wieder draussen sein mussten.“ Er lächelte zum ersten Mal. Ein offenes Jungenslächeln, das den gut 20-Jährigen sicher zum Mädchenschwarm machte. Aber davon wusste ich nichts. Und es interessierte mich auch nicht.

„Zwölf?“, fragte ich.

„Ja, von meinem zwölften Geburtstag an gingen wir immer hierhin, wenn er mich von der Schule oder dem Musikunterricht abholte. Einmal die Woche, außer wenn er weg war, was irgendwann immer öfter der Fall war. Aber wenn er in Berlin war, klappte das immer. Und dann trank ich Cola, was ich meiner Mutter nicht erzählen durfte, und er die harten Sachen. Am liebsten Gin. Sein erster Drink war immer ein Gimlet mit Tanqueray oder Junipeiro aus San Francisco. Irgendwann kannte ich die ganzen Namen, Etiketten und konnte die Gins am Geruch unterscheiden und wissen, welche zusätzlichen Kräuter zum Wachholder den Unterschied machten.“

Er lächelte wieder: „Ich war Gin-Experte, Jahre bevor ich meinen ersten Gin getrunken hatte.“ Er hob sein Glas, hielt es mir entgegen, ohne anstoßen zu wollen, ich hob mein Glas genauso und wir tranken. Er hatte einen Gimlet im Glas, ich einen doppelten Wodka.

„Erzählen Sie von dem Tag.“ Ich hatte meine Kladde und einen Kugelschreiber vor mir auf dem Tisch liegen und beugte mich zu ihm hin, was mir unangenehm war, weil es mich an die Verhörtechniken Michel Friedmanns in seinen Talkshows erinnerte – dieses in den Gesprächspartner Hineinkriechen. Aber die Tische waren niedrig, und mit dem Notizheft auf dem Schoß konnte ich nicht schnell genug mitschreiben. Der Tag, von dem ich hören wollte und den Larssen sicher schon hundert Mal erzählt hatte, lag über sieben Jahre zurück.

„Der Tag“, sagte Paul Larssen gedehnt. „Der Tag war eigentlich völlig normal. Ich war 14 inzwischen, mein Vater holte mich vom Schlagzeugunterricht in der Babelsberger Strasse ab und obwohl gutes Wetter war, wollte er sofort hierher. Er hatte wohl noch was mit Lippert zu besprechen, manchmal holte er auch Flaschen bei ihm ab, keine Ahnung. Die Bar war sein Wohnzimmer, es war normal, dass wir auch bei bestem Sommerwetter hier saßen. Wir wollten ja vor allem reden, und wir hatten immer genug zu reden, uns ging nie der Gesprächsstoff aus, er wusste dadurch alles von mir.“

„Und Sie nichts von ihm, oder?“ Ich bereute die Frage sofort. Viel zu früh. Außerdem war das ja der Kern der Geschichte: dass die Ereignisse des 23. Mai 2007 so vollkommen unerwartet kamen und dass niemand sie auch nur annähernd verstehen konnte. Weder Paul Larssen noch seine Mutter noch irgendein anderer, der seinen Vater kannte. Auch die Polizei nicht. Sogar Interpol und Geheimdienste wurden später hinzugezogen: Es gab nicht den Hauch einer Erklärung für das, was an jenem Tag geschah, nicht den kleinsten Riss im Lebensvorhang von Larssens Vater, der einen Blick auf das hätte frei legen können, was – wahrscheinlich – vorher passierte. Vorher passiert sein musste. Denn dass es ein „Vorher“ gab, eine Backstory, die in diesem Tag gipfelte, bezweifelte keiner.

Niemand wird am hellichten Tag von einem Killerkommando, das in zwei schwarzen SUVs mit verspiegelten Scheiben vorfährt, hingerichtet, ohne dass es irgendeine Vorgeschichte gibt. Und eine Verwechslung hatten alle Behörden rigoros ausgeschlossen, es gab sogar – noch vier Jahre nach dem Vorfall – einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der das bestätigte. Paul Larssens Vater starb, so herzlos das klingt, nicht ohne Grund. Aber was war dieser Grund? Ich war schon früher an der Geschichte dran, jetzt wollte ich es nochmal wissen.

„Ich wusste alles von ihm“, sagte Paul Larssen, ohne mir meine voreilige Frage übel zu nehmen, „und ich wusste nichts. Es gab zwei Dieter Larssen. Mit dem, der mein Vater war, gab es keine Geheimnisse, er erzählte alles, von seinen Freundinnen, von seinem Job als Chefberater dieses riesigen Agentur-Netzwerkes, für das er unterwegs war, von seinen Freunden, die ich ja auch fast alle kannte, mit denen er im Jahr vor seinem Tod noch mit Curling anfing, sein jüngster Traum war eine Curling-Anlage als Teil der Soccer-Halle, an der er ja Anteile hatte. Fußball wird mir zu anstrengend, sagte er damals, ich mache jetzt nur noch meditativen Sport. Für ihn war Curling der einzige Wettbewerb, der bei aller Konkurrenz einen kontemplativen Charakter hatte. Und das liebte er ja, das Sich-Versenken, er las irre viel, er schrieb Tagebücher. Aber Sie wissen ja, dass man auch dort nicht den kleinsten Hinweis gefunden hatte, keine Spur, die als missing link zum 23. Mai 2007 getaugt hätte. Wir hatten ja am Ende Linguisten, ich glaube, die besten Linguisten im deutschsprachigen Raum hinzugezogen, die seine Tagebücher analysierten, und die Polizei engagierte einen Dechiffrierer vom BND, der nach irgendwelchen geheimen Codes suchte. Alles absurd, vergeblich. Es ist immer noch, für mich als Sohn, vollkommen fremd, ich verstehe es nicht. Aber ich kriege es auch nicht hin, mich mit der Verwechslungstheorie anzufreunden. Immer wenn ich an den Punkt komme, wo ich sage: Doch, gegen alle Polizeiarbeit und Untersuchungen und so, doch, es war eine Verwechslung, fühle ich sofort, fast körperlich: Nein, es war keine Verwechslung. Es hatte seinen dunklen Grund, und ich kenne diesen dunklen Grund nicht. Puh, jetzt rede ich schon wieder ohne Pause und in geschliffenen Sätzen und Bildern, aber wissen Sie, ich habe das schon so oft erzählt, und deshalb habe ich ja zuerst auch gar nicht auf Ihre Anrufe reagiert. Na ja, hab´ ich´s eben nochmal erzählt. Noch einen Drink? Mein Gimlet ist alle, ich trinke noch einen, auf meinen Vater. Egal was da war, er war ein guter Typ, ein richtig guter Typ.“

Paul Larssen winkte in Richtung Tresen, und einer der Barkeeper kam sofort zu ihm, es war zu spüren, dass er – als Sohn seines Vaters, als Sohn seines hier erschossenen Vaters – besondere Zuneigung erfuhr. Die Barkeeper liebten ihn, wie die jungen Frauen ihn liebten, die in die Bar kamen und ihn verstohlen anschauten, wie er auf seinem Stammplatz saß. Es war sein gutes, jungenhaftes Aussehen, seine offene Art, die aber immer ein Stück seiner Persönlichkeit zurückhielt (wie sein Vater?) – aber ebenso die Aura von Schicksal und Schmerz, die ihn trug wie eine Wolke. Als würde er den Boden nicht richtig berühren.

Sein neuer Drink stand vor ihm, ich hatte von meinem Wodka erst ein, zwei kleine Schlucke genommen. Ich wollte klar bleiben. Ich wusste, die Lücke, wenn es denn eine gab, durch die ich Erkenntnis gewinnen könnte, diese Lücke war winzig, und falls sie sich überhaupt öffnete, dann nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ich fühlte mich zu einem Drittel wie ein Journalist (der ich war), einem weiteren Drittel wie ein private eye (der ich sein wollte) und zum letzten Teil wie ein Mönch, der für einen winzigen Hauch von Erkenntnis sein Leben geben würde.

 

„Der Tag“, sagte ich, plötzlich fordernd und laut wie ein Boulevard-Reporter, dem zu viel herum geredet wird, der keine Zeit für Zwischentöne hat. Das war ausschließlich der Journalist in mir, der das sagte – und ich bereute es sofort. Ich hätte mich ohrfeigen können, ich verbaute mir die sublimen Wege, ich verprellte ihn und lief Gefahr, ihn zu verlieren, ich schloss die Lücke, auf die ich doch wartete. Im Moment der Stille, in der alles hätte passieren können, fiel ich zurück in die Routine des Reporters, rein, mitschreiben, raus, veröffentlichen.

„Der Tag“, sagte Paul Larssen, ohne mich zu beachten, ganz anders als ich eben – gedehnt und zögerlich wie vorher. In seiner Stimme und Intonation war „der Tag“ ein anderer als meiner. War es überhaupt noch der 23. Mai 2007, von dem er sprach? Ein Tag in der Vergangenheit? Oder einer, der noch bevorstand? Einer, der nie aufhörte?

„Das Verrückte ist“, sprach er weiter, „dass ich seit sieben Jahren versuche, mich daran zu erinnern, worüber mein Vater und ich sprachen, als es geschah. Aber ich weiß es nicht mehr. Ich bekomme es nicht hin, und das quält mich manchmal mehr als alles andere. Vielleicht rede ich auch deshalb immer noch mit Journalisten wie Ihnen: weil ich hoffe, dass es in so einem Gespräch plötzlich Zack macht und ich wieder weiß, worüber mein Papa und ich gesprochen haben. Aber es macht nicht Zack, auch heute nicht, das merke ich, obwohl ich Sie schätze, obwohl ich offen sein möchte.“

Er trank. Es wurde unruhiger um uns herum, einer der Tische neben uns wurde besetzt. Er guckte auf seine Armbanduhr. Es war sechs, als Kind mit seinem Vater musste er jetzt seine Cola austrinken und gehen. „Was machten Sie, wenn Sie und Ihr Vater die Bar verlassen mussten, damals?“, fragte ich.

„Wir gingen ins Kino oder spazieren. Oder wir fuhren spazieren, das am meisten. Er hatte immer Leihwagen, er besaß gar kein eigenes Auto, und es waren schöne Modelle dabei, immer die neuesten und größten. Wir mochten beide BMW. Wir fuhren raus, im Sommer fuhren wir raus, an den Wandlitzsee oder nach Potsdam, wo wir im Park schlenderten, immer in der Nähe des Wagens, um schnell wieder einzusteigen und ein anderes Ziel anzusteuern. Und wir redeten die ganze Zeit.“

„Aber was erzählte er von sich? War da irgendetwas, ein einziges Mal, wo Sie dachten, das passt jetzt nicht?“

„Nein, es passte immer. Ich meine, manchmal dachte ich, wie doof ist das denn. Wenn er von einem Erlebnis mit seiner neuesten Freundin sprach oder von einer Präsentation mit einer der Agenturen, für die er unterwegs war. Ich war ein Kind, ein Junge, pubertär, manche Stories von ihm fand ich peinlich oder uncool. Aber es war alles ganz normal, alles stimmte und passte zueinander. Nie gab es ein einziges Handygespräch, wo ich dachte, ups, wer ist da jetzt dran, mit wem redet Papa und worüber? Er war auch nie besorgt oder in Stress, wenn wir zusammen waren. Und wenn ich ihm manchmal einen Vorwurf machte, dass er Mama verlassen hatte, dann ging er okay damit um oder erzählte mir, warum es nicht mehr klappte. Er verstand mich sogar, dass ich immer noch ein bisschen darunter litt. Sorry, ich hab´ keine Ahnung, nichts Neues, keine Story für Sie, die nicht schon in Ihren Archiven steht.“

 

Er lehnte sich zurück, und unvermittelt wirkte er entspannt. Als könnten in diesem Moment die Gespenster der Vergangenheit ruhen. Er schaute zum Nebentisch und, wie mir schien, lächelte jemandem zu. Ich drehte mich kurz um und sah eine Blondine, nicht älter als er, am Arm ihres Freundes und mit ihren Augen ganz offen bei Paul Larssen.

„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie das frage, Herr Larssen, aber Sie hatten es mir im Vorgespräch erlaubt: Wie passierte es genau, an diesem 23. Mai 2007?“

„So wie ich es allen anderen schon endlos erzählt habe. Allen, der ganzen Welt. Ich saß hier, mein Vater dort, wo Sie sitzen. Wir waren im Gespräch, wie gesagt, ich weiß nicht mehr, ich weiß nicht, worüber, ich guckte aus dem Fenster, ganz kurz nur, mein Vater konnte es nicht sehen, und dann dachte ich: Wow, wie in einem Mafiafilm. Zwei schwarze SUV mit verspiegelten Scheiben hielten vor dem Bareingang, aus beiden Wagen stiegen jeweils zwei Männer und gingen schnell, aber kontrolliert in die Bar. Ich dachte immer noch: cool, was für ein Auftritt. Zwei blieben im Eingang stehen, zwei kamen auf unseren Tisch zu, einer blieb einen Meter entfernt stehen, der letzte ging direkt zu meinem Vater, ich sah jetzt, erst jetzt, dass er eine Pistole mit großem Schalldämpfer in der rechten Hand hielt, aber da war der Aufsatz des Schalldämpfers schon an der Schläfe meines Vaters, der jetzt überhaupt erst reagierte, aber da schoss der Mann schon dreimal, in rascher Folge, mein Vater hatte nicht einmal mehr Zeit, einen spezifischen Gesichtsausdruck anzunehmen. Es war kein Erstaunen in seinem Gesicht, keine Angst, ich weiß nicht, er hatte keine Zeit dafür. Ich schrie, und die Männer gingen raus, sie liefen nicht, sie gingen zügig zu ihren Autos, stiegen auf den Beifahrerseiten ein und wurden weggefahren. Später fand man beide Autos ausgebrannt in einem Hinterhof in der Kantstrasse, aber das wissen Sie ja.“

 

Nein, ich hatte keinen Scoop gefunden. Ich hatte mir Hoffnungen gemacht, aber da war nichts, die Story war tot. Ich mochte Paul Larssen, aber irgendetwas spürte ich in ihm, das unerreichbar blieb für mich. In der Redaktion würde ich sagen: Der hat ein Geheimnis, aber ich weiß nicht, welches. Und die Kollegen würden sagen, das wusstest Du doch vorher schon mit Deinem Beschatten und dem ganzen Detektivkram vor dem Treffen. Und sie würden lachen und mich Bob Woodward oder Carl Bernstein nennen und mich aufziehen mit meinem Bedürfnis, ein großer investigativer Reporter zu sein.

Wir gingen raus, zusammen, Paul Larssen hatte mich eingeladen, er hatte darauf bestanden. Wir standen noch eine Weile auf dem Gehsteig herum, etwas unschlüssig und verlegen. In diesem Moment bremste eine große schwarze S-Klasse abrupt vor dem Eingang der Bar, die Beifahrertür sprang auf, und Paul Larssen zeigte auf den Wagen und sagte: „Wow, wie in einem Mafiafilm.“

Dann lächelte er und ging, ohne mir die Hand zu geben.

 

Der letzte Drink

Links und rechts packten sie mich an. Ich versuchte, hochzuschauen, in ihre Gesichter. Aber ich konnte meinen Kopf nicht richtig drehen. Das eine Gesicht sah ich dann, es wirkte ausdruckslos, konzentriert. Ich konnte die kräftigen Halsmuskeln sehen, die sich rhythmisch bewegten, pulsten.

War ich so schwer? Der Mann trug, wie ich jetzt sah, ein T-Shirt. Das kam mir lächerlich vor, was wollte er damit beweisen, ich hatte meinen Flanellmantel an und eine Decke über den Knien. Wo war meine – meine Tochter, meine Enkelin? Mit wem war ich hier?

Vor mir wurde jetzt die Seitentür aufgehalten. Für mich, für meine Prozession. Aus der Drehtür daneben kam ein Paar, die Frau schaute mich kurz an, und dann in einer schnellen Bewegung des Kopfes zu ihrem Partner. Etwas durchzuckte mich, eine Erinnerung: Das alles war ein Leben.

Ich wurde abgesetzt, und die Männer, die mich in meinem Rollstuhl die Hoteltreppe hinaufgetragen hatten, verabschiedeten sich. Ich musste jetzt „Danke“ sagen, aber ehe mir das klar wurde, waren sie schon weg. „Wer waren die?“, fragte ich irgendwo nach hinten, ohne mich umdrehen zu können. „Keine Ahnung“, sagte ein lachendes, junges Gesicht neben meinem Kopf (ich konnte die Jugend riechen, die Möglichkeiten), und da wusste ich, dass ich mit meiner Enkeltochter hier war.

„Und was machen wir hier?“, fragte ich.

„Ach, Opa, nicht schon wieder. Du wolltest doch noch mal in Deine Lieblingsbar.“

Sie schob mich an der Rezeption vorbei, aus der sich in einer schnellen Bewegung, der ich kaum folgen konnte, ein Mann löste. Dann stand er schon vor mir, ich brauchte eine Weile, um sein Gesicht scharf zu stellen.

„Herr von Heydekampf, schön, dass Sie uns einmal wieder besuchen“, sagte er und beugte sich zu mir herunter, bis sein fischig vorgestreckter Kopf fast auf der Höhe meiner Augen war.

„Gut“, sagte ich barsch, „dann können wir ja jetzt auf Augenhöhe miteinander reden. Wurde auch Zeit.“

Der Mann lächelte weiter und blickte rasch über meinen Kopf hinweg zu meiner – Tochter?

„Ich bin es, Herr von Heydekampf, Marius Schilling, der Hoteldirektor. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, Sie kurz persönlich zu begrüßen.“

„Und wer hat Ihnen gesagt, dass ich hier bin?“ Ich glaube, ich kannte ihn. Aber das gab ihm nicht das Recht, sich in mein Leben einzumischen.

„Ihre reizende Enkeltochter hat angerufen, auch damit wir Ihnen in der Bar Ihren alten Lieblingsplatz freihalten konnten.“

„Dann wollen wir mal“, sagte ich und winkte meiner Tochter, dass wir weiterfahren sollten.

„Einen schönen Aufenthalt, Herr von Heydekampf“, rief der Mann mir hinterher, ich sah ihn aber gar nicht mehr, ich fand jetzt so langsam, dass ein Taxifahrer dann auch wieder ins Glied zurücktreten musste.

„Da lang“, sagte ich zu meiner Tochter, und hielt die linke Hand wie den Winker der Automobile meiner Kindheit heraus. Dabei erschrak ich, wie dünn und knochig diese Hand war, ich ließ sie noch einen Moment da draussen stehen und betrachtete sie, als gehörte sie nicht zu mir. Was für ein Elend dieses Alter war, was für eine Tortur für mich und die anderen. Und wie zäh dieser Körper am Leben hing, unnütz, freudlos. Und was für eine Schnapsidee, noch mal meine Lieblingsbar sehen zu wollen, und meinen Lieblingsbarkeeper, der bald genauso knorrig und unnütz sein würde wie ich.

Da stand er. Am Eingang der Bar begrüßte er mich, mit ausgebreiteten Armen und schräg gestelltem Kopf. Auch das fand ich unpassend, widerlich. Dieses ganze Geschiss, das die Leute machten, nur weil man alt war, weil man verfiel. Anstatt einen tot zu prügeln. Ein Leben lang hatte ich von meinem Lieblingsbarkeeper nur den Oberkörper gekannt. Er war, wie es sich für einen Barmann gehört, ein Mann ohne Unterleib, er gehörte verdammt nochmal hinter den Tresen, zu seinen Gläsern und Flaschen.

Und jetzt stand er da, vor der Theke, und beugte sich runter zu mir, seltsam grinsend, ich hasste das soundso, dieses Runterbeugen, ich bin kein Baby im Kinderwagen, auch wenn ich Windeln trage, ich bin ein sterbender Mann im Rollstuhl, und wenigstens dieses Privileg, diesen USP inmitten von Plänen und Zukunft, sollten sie mir lassen, die Lebenden. Plötzlich sah ich alles so klar, und böse, ich wollte ihn anschreien, er solle sich wegpacken, hinter seinen Tresen, wo er hingehört, aber ich machte nur eine wedelnde Handbewegung (in Zeitlupe, alle meine Bewegungen waren in Zeitlupe) und sagte mit beherrschter Stimme: „Bitte, Niko, geh an Deinen Platz und mach´ mir einen Next Generation.“

– – –

„Thilo.“

„Ja?“ Ich schreckte hoch.

„Du kannst nicht mit Deinem Kopf auf meinem Bartresen schlafen.“ Das war Niko. Er tätschelte meine Schulter. Und er war jung, richtig jung.

„Shit, sorry, Mann, hab´ ich geschlafen?“

Niko legte seinen Zeigefinger an die Lippen und blickte kurz auf die Reihe der anderen Gäste, die neben mir am Tresen saßen und standen und sich lachend unterhielten.

„Okay, sorry“, sagte ich noch einmal. Dann winkte ich ihn zu mir, und er steckte seinen Kopf ganz nah an meinen.

„Weißt Du, was ich geträumt habe, Niko?“, fragte ich. „Wir waren beide alt, ich uralt und im Rollstuhl, und ich wollte meinen allerletzten Drink bei Dir nehmen. Soll ich Dir kurz erzählen?“

„Nein“, sagte Niko, „ich hab´ zu tun.“

 

Der amerikanische Soldat

Ich war einem Gespräch nicht abgeneigt. Ich suchte es aber auch nicht. Der Barmann stellte meinen Old Fashioned auf den Tresen und nickte mir zu. „Mit Makers Mark“, sagte er, was ich wusste, da ich es genau so bestellt hatte. Das war alles. Ich zündete mir eine American Spirit an und rauchte.

„Rauchen sich schwer, oder?“, fragte der Typ, der schon die ganze Zeit am anderen Ende der Bar saß. Die drei, vier Hocker zwischen uns waren leer, es war Dienstag, und wir waren die einzigen Gäste am Tresen. Es waren die ersten Worte, die ich von ihm hörte, und sie klangen nicht nur wegen seines amerikanischen Südstaaten-Akzents schwer und träge, als wollte er sie gar nicht sagen. Die Vokale verließen seinen Mund, als würde er diese vertrockneten Büsche husten, die in Texas-Filmen für Ewigkeit und Verlorenheit stehen. Ich drehte mich halb zu ihm und sagte: Stimmt. Dann zündete ich mir die Zigarette ein zweites Mal an und inhalierte.

„Ich bin Tom March“, sagte er, während er aufstand, sein Bierglas nahm und die paar Schritte zu mir herüber kam. Gut, dachte ich, dann wird es eben so ein Abend. Er ruckelte den Barhocker neben mir zurecht und bestieg ihn wie ein Rodeo-Reiter den künstlichen Sattel in einem Texas-Diner. Ich schätzte ihn auf Mitte 30, auf sehr unglückliche Mitte 30.

„Verdammt gutes Deutsch“, sagte ich, um mich nicht vorstellen zu müssen und dennoch halbwegs höflich zu sein. „Sie leben hier?“ Ich tat alles, um nicht von mir zu sprechen. Ich wusste, wie das ging, immer Fragen stellen, die Leute reden gerne von sich. Okay, die Grenze ist fließend, man wird schnell voll gequatscht. Aber auch damit komme ich klar, ich höre zu und bin zugleich in meinen Gedanken. Alkohol ist eine gute Methode, diese Ambivalenz zu halten: Man nimmt auf, was ein anderer sagt, und ist auf einer zweiten Ebene in seinem eigenen Flow. Zwei Dialoge, der äußere und der innere. Aber wie gesagt, es braucht ein paar gute Drinks dazu. Der Barmann guckte mich an, aber ich kam klar, mein Glas war noch voll.

„Seit zehn Jahren“, sagte Tom March. Ich sah ihn an und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er meinte. „Ich musste raus aus den Staaten, und jetzt bin ich hier. Es ist besser so.“

„Warum?“, fragte ich. „Warum ist es besser so?“ Vielleicht gab es doch eine Geschichte, vielleicht gab es mehr als Einsamkeit und das Bedürfnis, zum tausendsten Mal sein Leben zu erzählen. Ich betrachtete Tom March, distanziert und unverfroren, wie man ein Portrait in einer Kunstgalerie betrachtet: Da war etwas, das nicht zusammen passte. Ein kräftiger oder ehemals kräftiger Körper, ein zutiefst körperliches Selbstbewusstsein, über dem ein Schmerz lag wie ein ausgewringter Lappen.

„Irak“, sagte Tom March.

„Oh“, sagte ich. „Das klingt nicht gut.“

„Das bin ich“, sagte Tom March und fingerte in einer schnellen, fließenden Bewegung, wie schon Hunderte Male zuvor erprobt, ein laminiertes Foto aus seiner Brieftasche und hielt es mir hin. Das Ganze hatte keine zwei Sekunden gedauert, es war wie ein Zaubertrick, eine perfekte Routine, und ich wusste, jetzt bin ich im klassischen Bartresen-Gespräch, in dem ein Mann einem anderen Mann die Dokumente seines gescheiterten Lebens zeigt. Und beide dabei sehr viel trinken.

Ich nahm einen Schluck Old Fashioned und suchte Blickkontakt zum Barkeeper, der mein Barkeeper war und von dem ich Hilfe erwartete. Diese Art von Story wollte ich nicht. Keine Fotos. Als Student beim Trampen nahm mich ein Mann mit, der mir während eines Rastplatz-Stops die Close-up-Bilder der Möse seiner Frau zeigte und mich bat, das Auto zu verlassen, um sich einen runter zu holen. Seitdem konnte mich jeder vollquatschen, aber Fotos zeigen – nie.

„Stop“, sagte ich, „ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Lassen Sie uns einen Hauch von Distanz bewahren. Wir unterhalten uns, aber mehr auch nicht, okay?“

„Hauch?“, fragte Tom March in seinem schweren amerikanischen Südstaaten-Akzent. „Was ist Hauch?“

Aber da hatte ich das Foto bereits in der Hand. Ich kannte es. Natürlich kannte ich es. Es war kein privates Bild, es war ein Pressefoto, das damals, 2003, um die Welt ging. Es war aufgenommen in Saddam Husseins Palast in Bagdad. Die Amerikaner hatten das Gebäude erobert, und einer der eingebetteten Fotografen hatte die Besetzung dokumentiert. Als finalen, symbolischen Akt des Sieges. Es war ein ikonografisches Bild: GI´s in Saddams Heiligstem – das war die Botschaft des Bildes. Klar kannte ich es.

„Das bin ich“, wiederholte Tom March.

„Wer?“, fragte ich, „der im Sessel?“

„Der im Sessel“, sagte Tom March.

„Und dann?“, fragte ich. Ich war jetzt interessiert, dies war kein Männer-Bar-Gespräch wie tausend andere, dies war Geschichte. Ich dachte an die Story des Fotografen, der nach Robert Kennedys Ermordung den am Boden liegenden Sterbenden fotografierte und dabei die Witwe des Politikers zur Seite drängte: Sorry, Madame, that´s history.

„Danach ging es bergab“, sagte Tom March. „Aber ich habe es aufgeschrieben, schauen Sie mal.“ Er nahm mir das laminierte Foto aus der Hand, drehte es um und gab es mir zurück. Auf der Rückseite war ein QR-Code. „Da steht die Geschichte des Bildes, ganz kurz nur“, sagte er. „Lesen Sie sie, und Sie werden verstehen, warum ich hier bin. Ich weiß nicht, vielleicht war es der Höhepunkt meines Lebens. Aber ganz sicher war es das Ende. Scheiß Krieg.“

Dann stand er auf, ohne zu zahlen, und ging. Ich wartete gut zehn, fünfzehn Minuten, aber er kam nicht zurück. Ich trank meinen Old Fashioned aus, in kleinen Schlucken, und betrachtete das Foto. Ich rauchte eine American Spirit. Früher beim Trampen dachte ich: noch eine Zigarette, dann hält jemand an. Aber er kam nicht zurück. Er war kein Schwätzer. Er war Tom March, ein amerikanischer Soldat. Ich nahm mein Handy, fotografierte den Code und las:

Ich rauchte eine Zigarre aus Saddam Husseins Teakholz-Humidor

- Gedächtnisprotokoll von Sergeant Tom March -

... ich weiß nicht mal, ob der aus Teakholz war. Vielleicht auch Kirsche oder Ulme oder was-weiß-ich. Ein Freund aus Austin sagte mal, alle wirklich guten Möbel sind aus Teakholz. Und der Humidor sah gut aus.

„Setzt euch mal hin da, ich mach´ ´n Foto, wie ihr in Saddams Palast abhängt.“ Also das war gestellt, Clancey sagte das, der eingebettete Fotograf. Meine Kameraden fanden das affig, keiner wollte sich auf diesen albernen antiken Stuhl setzen, von dem Clancey sagte: Voll Rokoko. „Sind wir Schwuchteln?“, fragte Madriguez. Er hatte keinen Bock, sich darein zu setzen, „kannst ´nen Foto machen, wie ich rein geh´ in den verfickten Palast, aber nicht, wie ich hier rum schwul.“

Mein Officer, Petrinelli, meinte dann: „Tom, mach´ du das.“ Mit dem gleichen Ton, den er vor zwei Tagen hatte, als die Alte im Tschador auf unseren Kontrollposten zulief. Wir hatten ein Dutzend Mal Stopp geschrien, und ich mein´, Stopp versteht doch nun wirklich die ganze Welt. Oder heißt das auf arabisch das Gegenteil? Keine Ahnung, weiß nur noch, wie die Alte immer weiter lief, mit so einem komischen Gang und Tempo, wie auch bei uns die alten Weiber gehen, so als würden sie dauernd von irgendwas gejagt, aber könnten nicht schneller. 30 Meter vor unserem Posten gab Petrinelli mehrere Warnschüsse ab, aber die Alte lief weiter. In so einem riesigen schwarzen Tschador, der sich perfekt für Selbstmordattentate eignete. Wurden wir ein Dutzend mal gebrieft dazu, da passt genug drunter, um eine ganze Kompanie in die Luft zu jagen, hatte der Ausbilder gesagt.

Petrinelli zischte: „Ich geb´ ihr noch fünf Meter“. Die Alte lief weiter. Ich sah ihr Gesicht, das mich an einen Film erinnerte mit einer griechischen oder russischen Begräbnisszene. Oder Mexiko, keine Ahnung. Um das Grab die ganzen fetten, jammernden Klageweiber. Mit so einem verzerrten Gesicht, wie die Alte jetzt im Tschador. Sie hatte die Hände gehoben, aber der Typ, der bei Kerbela vier Kameraden in die Luft sprengte, soll auch friedlich gewirkt haben. „Tom, mach´ du das“, sagte Petrinelli, und ich machte das.

Irre, wie eine einzige Salve dieses ganze Theater aus Tschador und Tradition und so zunichte macht. Die Kugeln zogen sie regelrecht aus, im entscheidenden Moment nützte der Schleier nichts, sie war fast nackt, und eine Menge amerikanischer GI´s glotzte sie an. Sie hatte einen fetten Bauch, auch ohne Sprengstoffgürtel, aber das gilt ja als Schönheitsideal hier unten. Wenn meine Alte so fett wär´,  würd´ ich sie auch unter so ´ne Decke stecken.

Ich setzte mich also rein in diesen Stuhl, und drückte die Knie nach außen. Petrinelli nickte, er war der coolste Officer in unserem Regiment. Wir konnten ihm total vertrauen. Clancey, der Fotograf, fragte: Rauchst du? Ich nickte, und dann erst sah ich den Humidor auf dem schwulen Tisch zwischen mir und dem Fenster. Ich brauchte eine Ewigkeit, um ihn zu öffnen, er hatte eine winzige Mulde an seinem Deckel und irgend so einen Mechanismus, durch den der Deckel sich festsaugte am Chassis oder wie ich das nennen soll. Im Humidor lagen sieben unterschiedlich lange Zigarren. Ich nahm die längste und biss die Spitze ab und rotzte sie aus und zertrat die nasse, bröselnde Masse auf dem von Staub und Glasscherben übersäten Boden und rotzte noch mal und sagte: Friss Scheiße, Saddam.

Clancey, der Fotograf, fluchte, „ich war noch nicht so weit, kriegste das nicht mit, dass ich grade ´nen Film einlege?“ Die Jungens setzten sich aufs Sofa hinter mir und feixten, in der Halle vor dem Rauchzimmer hörten wir Befehle, und ein paar unserer Männer stellten sich ins Treppenhaus und vors Fenster und sicherten die Szene. Geht mal bisschen vom Fenster weg, sagte der Fotograf, ich brauch´ Tageslicht, und Petrinelli bellte: „Vom Fenster weg“, und die Jungens stellten sich neben die Fensterrahmen, um kein Ziel für Hecken- oder Scharfschützen abzugeben, obwohl wir den ganzen Bezirk ziemlich unter Kontrolle hatten.

Ich zündete die Zigarre an und paffte Rauch in Saddams Reich, als wäre ich der personifizierte daisy cutter, und hielt die qualmende Zigarre zwischen meine Beine und machte mit der rechten Faust Wichs-Bewegungen. „Haben wir´s?“, fragte Petrinelli, und ich hörte auf mit dem Zeugs und saß einfach breitbeinig da, während Clancey´s Kameramotor surrte. Raus jetzt, sagte Petrinelli, und das war´s. Ich trat die Zigarre auf dem Parkettboden aus und hatte kurz den Gedanken, wie das wäre, wenn sich ein Funke aus der Zigarre in das Holz fressen würde, und der Palast würde abbrennen und die Presse schreiben: Saddam Hussein´s Palast am Tigris von US-Bomben getroffen, und nur ich wüsste, was wirklich geschah. Aber da rannten wir schon die Treppe runter, im Rennen setzte ich meinen Helm auf. „Was haste denn geraucht da?“, fragte Rubero, der aus Kuba stammte, aber ich wusste das nicht, verdammt, ich könnte nie erzählen, was für ´ne Zigarre ich aus Saddams Humidor geraucht hatte. Scheiß Krieg.

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